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EVP-Wahlkampf bei der JU : Eine Kirche in jedem Dorf

Vielfalt festgstellt: Österreichs Kanzler Kurz, JU-Chef Kuban und EVP-Spitzenkandidat Weber am Samstag in Hannover Bild: EPA

Wie Manfred Weber mit Sebastian Kurz bei der Jungen Union für Europa wirbt und die christliche Kirche ins Zentrum rückt. Der Nachwuchs hatte zum „Europacamp“ geladen.

          In Athen hatte Manfred Weber den Europawahlkampf begonnen, und dort wollte er am Wochenende auch eine andere Reise starten lassen, eine Reise im Geiste: zu etwas, das er das Europa-Gefühl nennt. Von Athen ging es also los im imaginierten Flieger über Helsinki bis Dublin. „Liebe Freunde, ihr werdet Vielfalt feststellen“, sagte der Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei vor mehr als 600 Mitgliedern der Jungen Union (JU) in Hannover, „eine Vielfalt an Sprachen, an Kulturen, an Essen, an historischen Hintergründen.“

          Der Altersdurchschnitt seiner Zuhörer lag wohl bei kaum 30 Jahren. Die Junge Union hatte zum „Europacamp“ geladen. Und dort gab es nicht nur den CSU-Mann Weber zu erleben, der Präsident der Europäischen Kommission werden will, sondern obendrein einen „Kanzler aus unserer Generation“, wie es der JU-Bundesvorsitzende Tilman Kuban formulierte: den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz von der ÖVP, 32 Jahre alt.

          Diese Generation, also die Generation Erasmus, über das Thema Reisefreiheit für Europa zu begeistern, ist meist eine sichere Sache. Was Weber aber wirklichen Beifall bei seinem Reisebericht bescherte, war nicht die Vielfalt Europas aus der Vogelperspektive, sondern das, was er als verbindende Gemeinsamkeit ausgemacht hatte: Dass in fast jedem Dorf, in jeder Stadt eine christliche Kirche das Zentrum bildet. Der Rest seines Satzes ging im Jubel der jungen Christlichen Demokraten unter. Mehr Beifall gab es nur für Webers Ankündigung, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zu beenden, sollte er als Sieger aus der Wahl hervorgehen. Man müsse sich ehrlich machen, was die europäische Nachbarschaft angehe. Es gebe ein Zusammengehörigkeitsgefühl auf diesem Kontinent, so Weber. Und ein Staat, der bis an die irakische Grenze reiche, gehöre eben nicht dazu.

          Ein Teilnehmer sprach Weber und Kurz später darauf an. Er finde es sehr gut, dass an dem Abend viel über christliche Werte gesprochen geworden sei; er frage sich aber, wie denn die von Weber beschworene Identität bewahrt werden könne. Es reiche doch ein Blick in bestimmte Viertel deutscher Großstädte, um zu sehen, dass sie nicht unangefochten ist. Kurz, der Österreich mit der rechtspopulistischen FPÖ regiert, nannte zur Antwort eine Zahl: In Wien sei jeder zweite praktizierende Christ zugewandert, sagte er. Widerstand gegen christliches Leben komme nicht von Einwanderern oder Muslimen, sondern von Linken, so der Kanzler.

          Das Thema Migration war damit nicht erledigt. Weber und Kurz bekräftigten ihre Ziele, unter dem Dach von Frontex eine europäische Grenzpolizei mit 10.000 Kräften auszubauen und Transitzentren einzurichten. Wo genau diese liegen und wie sie funktionieren sollen, wollte Kurz nicht darlegen. Weber griff hingegen einen Vorschlag des Bundesentwicklungsministers Gerhard Müller (CSU) auf. Er will sich nach der Wahl für einen eigenen Afrika-Kommissar in der EU einsetzen, um Fluchtursachen abzubauen. Denn dazu sei mehr als finanzielle Hilfe für die Herkunfts- oder Transitländer nötig.

          Daneben zeigten die Fragen der JU-Mitglieder vor allem eines: Sie sorgen sich um die digitale Zukunft Europas und haben EU-Gesetze wie die Datenschutzgrundverordnung und die Reform des Urheberrechts als bürokratische Bremsen ausgemacht, die Kreativität und Unternehmertum einschränkten. Gegen die Urheberrechtsreform hatte sich zuletzt auch die Junge Union vehement ausgesprochen. Deshalb wiederholte Weber am Samstagabend abermals, dass er eine Revision der Rechtslage veranlassen werde, wenn die Reform in den nächsten zwei Jahren tatsächlich dazu führen sollte, dass die Meinungsfreiheit im Netz eingeschränkt werde. „Diese Zusage mache ich euch“, sagte Weber.

          Der 46 Jahre alte Europaabgeordnete schwärmte von dem „Momentum“, das er in den deutschen Unionsparteien und in der EVP verspüre, und natürlich lobte er ganz besonders die Energie der Jungen. Bundeskanzler Kurz nannte die Europawahlen eine Richtungsentscheidung. Und seinen Altersgenossen in Hannover versicherte der Österreicher, mit Manfred Weber sei ein Generationenwechsel in der EU möglich.

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