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Vor der Europawahl : Wie die polnische Jugend Frühlingsgefühle entwickelt

  • -Aktualisiert am

Robert Biedron (M) bei der Gründungsfeier von „Wiosna“ in Warschau Bild: EPA

Die neue linksliberale Partei „Wiosna“ (Frühling) des populären Politikers Robert Biedron mischt die politische Landschaft in Polen auf. Die Anhänger sind jung, nennen ihren Parteivorsitzenden „Robert“ und drängen auf einen Wandel in Polen – und Europa.

          Klaudia Borkowska erinnert sich noch genau an den 3. Februar 2019 – den offiziellen Gründungstag von „Wiosna“. „Ich habe die Übertragung der Tagung in Warschau live auf Facebook verfolgt und geweint“, erzählt die 22 Jahre alte Studentin und schmunzelt. „Ich war in dem Moment voller Hoffnung. Ich weiß, dass Wiosna etwas verändern kann.“ Borkowska spielt mit ihren Händen und schaut sich aufgeregt in dem israelischen Restaurant in Krakau um. „Ich bin ein bisschen nervös“, erklärt sie. „Das ist mein erster Medienkontakt.“ Erst im vergangenen Monat wurde sie zur Landesvorsitzenden von „Przedwiośnie“ (Vorfrühling), der Jugendorganisation von „Wiosna“ gewählt. Wieso sie sich sicher ist, dass die neue Partei des Linksliberalen Robert Biedron in Polen etwas bewegen kann? „Weil ich Robert und seinen Politikstil kenne“, sagt Borkowska. Sie ist in Slupsk aufgewachsen, der Stadt in der Biedron 2014 für das Amt des Bürgermeisters kandidierte. Borkowska war neugierig und ging zu einer Veranstaltung Biedrons. „Danach haben wir uns eine Stunde unterhalten. Ich habe schon da gemerkt, dass er anders ist als die anderen Kandidaten“, erzählt sie stolz.

          Anders bedeutet für sie vor allem bürgernah: „Robert war ständig auf der Straße und im Gespräch mit den Bürgern. Das habe ich so noch nie erlebt.“ Mit Erfolg: Dem 43 Jahre alten Politiker gelang es nicht nur die hohen Schulden der Stadt einzudämmen und Investoren anzulocken, sondern auch eine gute Zusammenarbeit mit den Bürgern herzustellen. Borkowska entschied sich, das Team Biedrons zu unterstützen. Besonders gefreut habe sie, dass der Politikstil Biedrons auch ihre Mutter überzeugt habe: „Meine Mutter ist eigentlich sehr kritisch und konservativ eingestellt. Als sie zu mir meinte, dass sie Robert vertraue und sie glaube, dass er Polen verändern könne, hat mich das wirklich berührt.“

          Glaubt an einen Wandel in Polen: Klaudia Borkowska

          Die Zusammenarbeit verlief schließlich vor drei Jahren, weil Borkowska für ihr Jura-Studium in die 765.000-Einwohnerstadt Krakau zog. Als sie Ende vergangenen Jahres mitbekam, dass sich Biedron von der Kommunalpolitik verabschiedete und eine neue, landesweite Bewegung plante, weckte das in ihr ein „euphorisches Gefühl“. Die Studentin begann sich noch vor der offiziellen Gründung von „Wiosna“ mit weiteren jungen Leuten in Krakau zu organisieren. Nun ist sie fest eingebunden: „Zurzeit arbeite ich mit Juristen und Experten an einem Gesetzesentwurf zu Unterhaltszahlungen mit. Das ist wirklich spannend.“ Borkowska mag Herausforderungen, sie zeigt auf einen Schriftzug auf einem Wandbild im Restaurant: „Wie schön, hebräisch. Die Sprache ist toll. Das Alphabet habe ich mir in zwei Tagen selbst beigebracht. Und seit zwei Jahren nehme ich Hebräisch-Unterricht.“ Ihre Begeisterungsfähigkeit treibt sie auch in ihrer politischen Vision voran: „Ich unterstütze Wiosna, weil ich weiß, dass wir ein besseres Polen verwirklich können.“ 

          Die Europawahl ist ein erster Test für die junge linksliberale Partei. In den Umfragen kommt „Wiosna“ auf rund zehn Prozent, das wären sechs von 52 Sitzen. Damit liegt die neue Partei auf dem dritten Platz, hinter der rechtskonservativen Regierungspartei PiS und der liberal-konservativen „Europäischen Koalition“, in der sich die oppositionelle Bürgerplattform mit kleineren Parteien zusammengeschlossen hat. Das liberale und sozialpopulistische Programm kommt bei den Anhängern gut an – wohl auch, weil sie daran mitgearbeitet haben. Im vergangenen Herbst tourte Biedron mit seinem Team durch Polen, sprach mit Bürgern und hörte sich deren Sorgen, Probleme und Wünsche an. Aus den Gesprächen entstand die Grundlage für das Konzept zur Europawahl sowie für die polnische Parlamentswahl, die im Herbst dieses Jahres stattfindet.

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