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Vor der Europawahl : Wie die polnische Jugend Frühlingsgefühle entwickelt

  • -Aktualisiert am
Magdalena Dropek engagiert sich seit zehn Jahren als Aktivistin.

Dropek ist in der Woiwodschaft Kleinpolen für die Medienarbeit von Wiosna verantwortlich. Zudem leitet sie die Untergruppe „Regenbogen Frühling“, die sich LGBT-Themen widmet. Die 37 Jahre alte Journalistin engagiert sich bereits seit zehn Jahren als Aktivistin in der polnischen LGBT- und Feminismus-Szene. Doch dieses Mal spüre sie, dass etwas anders sei: „Ich habe das erste Mal das Gefühl, dass wirklich Interesse besteht, etwas zu ändern“, sagt Dropek und lächelt. Besonders das Engagement und die Energie der Jugend beeindrucke sie. Denn die polnische Jugend gilt als weitestgehend unpolitisch. Und diejenigen, die sich für Politik interessieren, identifizieren sich vor allem mit konservativen und nationalistischen Werten. „Ich glaube, dass Wiosna eine Lücke füllt und diejenigen anspricht, die sich bisher in der polnischen Politiklandschaft nicht repräsentiert gefühlt haben“, sagt Dropek. Sie hoffe deshalb, dass Wiosna viele Bürger mobilisiere, die normalerweise nicht wählen gehen.

Doch kritische Stimmen prophezeien „Wiosna“ nach dem schnellen Aufstieg bereits ein rasches Ende. Denn in den vergangen Jahren entstanden kurz vor Wahlen immer wieder neue Parteien. Einen ähnlichen überraschenden Aufschwung erlebte 2015 etwa die liberale Partei „Nowoczesna“ (Moderne), die im aktuellen Wahlkampf in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Ob Dropek dieses Schicksal nicht auch befürchtet? „Nein“, sagt sie. „Es geht dieses Mal um mehr. Es geht um den Aufbau einer Gemeinschaft und um einen Wertewandel. Wir wollen mit allen zusammenarbeiten und uns gegenseitig respektieren. Ich glaube, dass die Leute langsam müde sind von den ständigen Hasstiraden der Regierung und der Opposition.“ Dropek wird ernst: „Ich habe vergangenes Jahr überlegt, Polen zu verlassen, wenn abermals die PiS die Wahlen gewinnt.“ Nun hoffe sie auf einen Wandel in der politischen Stimmung durch „Wiosna“.

Der positive Ansatz hat auch Lukasz Edelist überzeugt, sich bei der Frühlingspartei zu engagieren. Der 22 Jahre alte Uber-Fahrer war zuvor bei der linken Partei „Razem“ (Zusammen) aktiv. Dort hat ihn jedoch gestört, dass vor allem andere Parteien beschuldigt werden, etwas schlecht zu machen. „Ich will nicht zurückgucken. Ich will es einfach besser machen“, sagt Edelist über seinen Beschluss. Edelist ist ein besonnener junger Mann, der unnötige Konflikte vermeiden will. Er sitzt auf einer Bank in der Sonne und  schaut auf den Napoleonplatz, einen belebten Platz unterhalb des Wawel-Schlosses in Krakau. Einige Skater üben sich an Tricks, Touristengruppen laufen vorbei und schießen Fotos von dem Königsschloss. Für Edelist ist der Platz jedoch nicht nur ein Treffpunkt, sondern auch aus politischer Perspektive bedeutungsvoll: „Hier hat die erste Pressekonferenz von Wiosna in Krakau stattgefunden. Und ich habe gespürt: Jetzt geht es los.“

Lukasz Edelist gefällt der positive Ansatz von „Wisona“.

Edelist ist seitdem Vize-Vorsitzender der Jugendorganisation für Kleinpolen. Das sei viel Arbeit, an manchen Tagen sei er bis zu zehn Stunden im Einsatz gewesen. „Aber es ist mir wichtig, Wiosna zu unterstützen“, sagt Edelist. Besonders die Einbindung in die europäische Gemeinschaft liege ihm am Herzen: „Polen ist seit 15 Jahren Mitglied der EU. Es ist Zeit, erwachsen zu werden. Wir müssen davon wegkommen die EU nur als Geldgeber zu sehen und auch die europäischen Werte stärker in Polen verankern.“ Er glaube an die Idee eines europäischen Passes und an eine engere Zusammenarbeit auf EU-Ebene unter anderem im Gesundheitswesen. „Wir können so viel voneinander lernen“, sagt Edelist.

Während Edelist über die Bedeutung einer starken europäischen Gemeinschaft spricht, fliegt eine Biene um ihn herum und schwirrt weiter über den Platz. Ein paar junge Mädchen haben sich zu den Skatern in die Sonne gesellt und flirten mit ihnen. In den Bäumen daneben fliegen Vögel von Ast zu Ast und zwitschern. Ein Gefühl von Frühling liegt in der Luft.  

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