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Vor der Europawahl : Wie die polnische Jugend Frühlingsgefühle entwickelt

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Borkowska ist begeistert: „Normalerweise halten Politiker einem ein Parteiprogramm unter die Nase. Aber diese Art und Weise, das ist wirklich progressiv.“ So wird auf europäischer Ebene etwa eine europaweite Krankenversicherung gefordert sowie freier öffentlicher Transport für unter 26-Jährige. Auf nationaler Ebene soll es unter anderem ein Mindesteinkommen von 2700 Zloty (rund 625 Euro), den kompletten Kohleausstieg bis 2035 sowie eine klare Trennung von Staat und Kirche geben. Als bekanntester offen homosexuell lebender Politiker Polens macht sich Biedron zudem für die Rechte der LGBT-Community stark und will etwa die gleichgeschlechtliche Ehe einführen.

Für Borkowska sind die LGBT-Rechte persönlich von großer Bedeutung. Sie streicht über zwei kleine schwarze Striche an ihrem linken Handgelenk. „Eigentlich habe ich das Tattoo auch wegen Robert“, sagt Borkowska und ein Lächeln huscht über ihre Lippen. „Das ist das Gleichheitszeichen. Das erinnert mich daran, dass ich Frieden mit meiner sexuellen Orientierung gefunden habe.“ Als Teenager hat Borkowska gemerkt, dass sie sich nicht zu dem männlichen Geschlecht hingezogen fühlt. „Das war eine schwere Zeit“, sagt Borkowska über die Jahre voller Selbstzweifel. Das öffentliche Bekenntnis von Biedron zu seiner Homosexualität habe sie gestärkt und ihr aus der Selbstfindungskrise herausgeholfen. Doch es sind nicht nur die LGBT-Community, für die sich „Wiosna“ stark machen will. So gibt es Gruppierungen für Leute mit Behinderungen und speziell für Frauen. Denn die junge Partei hat es sich auf die Agenda geschrieben, für Gleichberechtigung einzustehen.

Europa bewegt das erste Mal emotional

Zudem verfolgt Wiosna eine klar pro-europäische Ausrichtung und will die gemeinsamen Werte in Polen verankern. „Bislang gibt es noch keine europäische Identität in Polen“, sagt Professor Zdzislaw Mach, Leiter des Europäischen Instituts der Jagiellonen Universität in Krakau. Das verdeutlichen auch die bisher geringen Wahlbeteiligungen. So gaben bei der Europawahl 2014 gerade einmal knapp 23 Prozent der Wahlberechtigten in Polen ihre Stimme ab. Damit lag Polen in der EU auf dem viertletzten Platz und weit unter dem europaweiten Durchschnitt von rund 43 Prozent. Das könnte sich in diesem Jahr ändern. „Es gibt ein größeres Interesse an europäischen Themen in Polen. Zuvor wurde Europa vor allem als bürokratisches Konstrukt und als Geldgeber wahrgenommen, jetzt bewegt Europa auch emotional“, sagt Mach. Denn vor allem die Flüchtlingskrise und die Frage nach europäischen Werten haben den Diskurs angeregt – auf pro-europäischer und auf anti-europäischer Seite. Umfragen sagen für die anstehende Europawahl in Polen eine Beteiligung von bis zu 55 Prozent voraus.

Auch im Literaczka, einem Buchladen mit integriertem Café, wurde zuletzt viel über Europa diskutiert. Pflanzen und Blumenbilder schmücken den Eingang des Ladens in Kazimierz, dem jüdischen Viertel in Krakau. Durch die großen Fenster fällt viel Licht in den Altbau mit hohen Decken. Bunte Blumen und Schmetterlinge verzieren die weiße Decke. Es herrscht eine ruhige und gemütliche Arbeitsatmosphäre. Einige Gäste blättern bei einem Kaffee durch die Bücher. Magdalena Dropek macht es sich in einem schweren Sessel gemütlich. Sie war die vergangenen Monate oft hier. Denn seitdem im Literaczka das erste Treffen der „Wiosna“-Unterstützer in der Woiwodschaft Kleinpolen stattgefunden hat, ist der Laden der inoffizielle Treffpunkt für die Parteiunterstützer aus dem Umkreis geworden. „Ich brauche dringend einen Kaffee“, sagt Dropek. „Alles entwickelt sich so schnell mit ’Wiosna’. Es ist wirklich anstrengend zurzeit“, begründet Dropek ihr Bedürfnis nach Koffein. Doch sie lässt sich den Stress nicht anmerken, spricht ruhig und überlegt.

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