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Europawahl in den Niederlanden : Ohne Hitler geht es nicht

Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte und Thierry Baudet von der Partei „Forum für Demokratie“ vor ihrer Debatte. Bild: Reuters

Am Abend vor der Europawahl schlüpfte Ministerpräsident Rutte in die Rolle des Herausforderers, um den Rechtsnationalisten Thierry Baudet zu stellen. Von Putin bis zur Frauenemanzipation, von Einwanderung bis Nexit ging es hart zur Sache.

          Die Niederländer wählen ihre Europaabgeordneten schon heute. Nach alter Tradition sollte der Wahlkampf mit einer „Schlussdebatte“ im öffentlichen Fernsehen enden. Und tatsächlich diskutierten die Spitzenkandidaten aller zwölf (!) im Haager Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien, die sich um die 26 Sitze für ihr Land reservierten Sitze im Europäischen Parlament bewerben, am Mittwochabend engagiert über die Zukunft der EU, den Klimaschutz, die Agrarförderung, die Migration oder die Idee einer europäischen Armee. Unter ihnen war Frans Timmermans, der Anwärter der europäischen Sozialdemokraten für das Amt des Kommissionspräsidenten.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Doch anstatt den Schlussakkord zu setzen, sahen sich die Europapolitiker zu einer Art Vorband degradiert. Denn unmittelbar nach der Zwölferdebatte wurde auf einem anderen Kanal ein mit viel größerer Spannung erwartetes Live-Duell zweier Politiker inszeniert, die heute gar nicht zur Wahl stehen: Ministerpräsident Mark Rutte und Thierry Baudet.

          Vom Enfant terrible zum Anführer der stärksten Kraft

          Erst 2017 hatte Baudet die neue rechtsnationalistische Partei „Forum für Demokratie“ gegründet; mit einem einzigen Mitstreiter sitzt der 36 Jahre alte, promovierte Rechtsphilosoph im Parlament zu Den Haag. Doch binnen weniger Monate hat er sich vom Enfant terrible in der seit bald zwei Jahrzehnten besonders erregbaren politischen Landschaft der Niederlande zum Anführer der stärksten politischen Kraft gemausert. Aus den Provinzwahlen im März ging sein „Forum“ als stärkste Kraft hervor. Die Umfragen sehen es auch bei der heutigen Europawahl vorn oder zumindest in einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Rechtsliberalen von Regierungschef Rutte.

          Der ging deshalb in die Offensive. Bei einem Wahlkampfauftritt verspottete er Baudet vorige Woche als „Stubengelehrten“, der „aufgrund wunderlicher Theorien“ in irgendwelchen Dachkammern „bizarre Ideen“ wie die vom EU-Austritt der Niederlande aushecke. Das erscheine „vielleicht auf Papier poetisch“, bringe in der Realität aber „die Sicherheit und Stabilität der Niederlande in Gefahr“.

          Rutte verwies auf das „Brexit-Chaos“ und unterstellte Baudet, er lasse mit seinem Nexit-Traum „eiskalt die Menschen im Stich, für die er einzustehen behauptet“. Ruttes Folgerung: „Thierry, darüber müssen du und ich noch vor der Wahl eine Debatte führen.“ Denn die Niederländer hätten „ein Recht darauf“, dass sich jemand Baudets „unsinnigen“ Plänen entgegenstelle.

          Das Blatt dreht sich

          Nicht nur die anderen zehn Parteien waren pikiert, dass Rutte aus einem breiten Wahlkampf um die beste europäische Politik so ein enges Duell um die Schicksalsfrage „Nexit“ machte, um die es bei der Europawahl schließlich gar nicht gehe. Auch in Ruttes eigener Partei rumorte es gewaltig: Wie konnte der Ministerpräsident Baudet so aufwerten, ja sich in die Rolle des Herausforderers werfen? Daraus sprach große Bangigkeit: Würde sich Rutte dem begnadeten Selbstdarsteller und Medienliebling gewachsen zeigen?

          Am Anfang der einstündigen Debatte dürfte sich manch ein Parteistratege in seinen Sorgen bestätigt gesehen haben. Da ging es um den Euro, und Ruttes Selbstlob darüber, wie gut er das Land aus der Finanzkrise geführt habe, prallte an Baudet ab: Ohne den Euro, behauptete er, hätte es die Krise nie gegeben. Irgendwann rang der Moderator dem Ministerpräsidenten dann auch noch das Eingeständnis ab, dass die Niederlande „noch“ nicht das Geld zurückhätten, das zur Rettung Griechenlands aufgebracht wurde. Da genügte es Baudet, feixend in die Kamera zu gucken, um von seinen Anhängern im Saal laut bejubelt zu werden.

          Das Blatt drehte sich, als die beiden Duellanten aufgefordert wurden, einander persönliche Fragen zu stellen. Baudet wollte von Rutte wissen, wann er zuletzt geweint habe.  Der ließ sich keine Überraschung anmerken und erwähnte knapp den Tod seines Vaters, seines Bruders und seiner Schwester. Wann der letzte dieser Trauerfälle denn gewesen sei, hakte Baudet ungeduldig nach. Erst vier Monate ist es her, erläuterte Rutte, dass seine Schwester verstorben sei. Da wurde Baudet plötzlich kleinlaut. „Mein Beileid“, sagte er knapp. Was er mit der Frage bezweckt hatte, blieb sein Geheimnis.

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