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Frans Timmermans : Spitzenkandidat ohne Plan B

Stimmabgabe: Timmermans am Donnerstag in einem Heerlener Wahllokal. Bild: AFP

Mit Frans Timmermans stehen die europäischen Sozialdemokraten bei der Europawahl besser da als erwartet. An Selbstbewusstsein mangelt es dem Spitzenkandidaten auf jeden Fall nicht.

          4 Min.

          Frans Timmermans ist einer der Ersten, die nach Eröffnung des Wahllokals am Donnerstag in seiner Heimatstadt Heerlen ihre Stimme abgeben. Die Stadt in der Nähe von Aachen ist nur eine Zwischenstation des Spitzenkandidaten der europäischen Sozialdemokraten (S&D) für das EU-Parlament. Aus Heerlen geht es gleich weiter zu einem Wahlkampfauftritt nach Barcelona, dann nach Mailand, bevor der Schlusspunkt einer strapaziösen Tour kreuz und quer durch Europa am Samstag in Wien gesetzt wird. „Schlafen kann ich im Auto“, ruft der 58 Jahre alte Niederländer, der sich vor einiger Zeit einen modischen Dreitagebart zugelegt hat, vor seiner Abreise einem Reporter zu. Grund zu guter Laune hat Timmermans dieser Tage allemal. Meinungsumfragen zeigen, dass seine 2017 vom zweiten auf den siebten Platz der Wählergunst abgerutschten Sozialdemokraten mit den Liberalen von Regierungschef Mark Rutte sowie dem Rechtspopulisten Thierry Baudet ungefähr gleichauf liegen.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Es ist der Schulz-Effekt. Dass die Wahlbeteiligung in Deutschland gegen den Trend in der EU bei der vergangenen Europawahl stieg, dass die SPD mehr als 27 Prozent der Stimmen erhielt, lag schließlich auch zu einem Großteil an der Präsenz des damaligem Spitzenkandidaten Martin Schulz. Aber das will Timmermans nicht hören. Er hat Selbstbewusstsein getankt im Wahlkampf. Am Vorabend hat er bei einer Debatte mit den Spitzenvertretern niederländischer Parteien den erfahrenen Staatsmann gegeben. Als die hohen Gehälter und Aufwandsentschädigungen in Brüssel thematisiert werden, zieht er sich mit dem Hinweis aus der Affäre, dass sie auch „etwas nüchterner“ ausfallen könnten, sich aber daran nur schwerlich etwas ändern lasse.

          Dynamischer als der nüchterne Bayer

          Ganz anders klingt das, wenn er mit jungen Wählern über den Klimaschutz spricht. Da gibt er den Aktivisten, spricht sich für Steuern auf Kerosin und schließlich gar für Verbote von Kurzstreckenflügen aus. Dass das auf europäischer Ebene so gut wie kaum umzusetzen ist, spielt für ihn dabei keine Rolle. Entscheidend ist, dass er seinen Konkurrenten von der Europäischen Volkspartei, den CSU-Politiker Manfred Weber, schwach aussehen lässt. Das gelingt Timmermans in den Fernsehduellen im deutschen und europäischen Fernsehen immer wieder. Timmermans wirkt dynamischer als der nüchterne Bayer. Er ist präziser. Dass er seine Botschaften nicht nur fließend auf Niederländisch und Englisch, sondern auch auf Deutsch, Französisch und Italienisch „herüberbringen“ kann, spielt ihm in die Hände.

          In der zweiten Reihe fühlt sich der Katholik nicht wohl. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er zu Beginn der Amtszeit von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker auf mehr Kompetenzen und mehr Aufgaben drang. Er sollte sich als Vizepräsident der Kommission zunächst insbesondere um den Bürokratieabbau kümmern, eine undankbare Aufgabe, vor allem aber eine viel zu kleine Aufgabe für einen ehrgeizigen Politiker wie Timmermans. Die herausgehobene Stellung als „Erster Vizepräsident“ mit großem „E“ reichte ihm damals als Ausgleich dafür bei weitem nicht. Timmermans selbst ist davon überzeugt, dass er auch einen sehr guten Chefunterhändler für die Brexit-Gespräche abgegeben hätte. Aber Juncker bevorzugte den Franzosen Michel Barnier für diese Aufgabe.

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