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Erdrutschsieg des Front National : Rechtsextreme schockieren Paris

Das Lachen der Siegerin: Front-National-Parteichefin Marine Le Pen Bild: AFP

Der Triumph von Marine Le Pens Front National ist ein politisches Erdbeben in Frankreich. Präsident Hollande lädt für den Vormittag zu einer Krisensitzung in den Elysée-Palast. Eine Analyse.

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          Auch die Nachtruhe hat nicht geholfen: Der Schock über das Europawahlergebnis sitzt am Montag in Paris tief. Präsident Hollande, der am Vortag einsam durch die Straßen seiner Wahlheimat Tulle zog, hat eine Krisensitzung im Elysée-Palast einberufen. Einziger Tagesordnungspunkt: Der Triumph des Front National (FN). Die Erfolgsserie der rechtspopulistischen Partei Marine Le Pens wird dem Präsidenten unheimlich. Auf dem Spiel steht die Regierungsfähigkeit Frankreichs – und der Ruf des Landes in Europa und in der Welt.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Dabei war Hollande zu Beginn seiner Amtszeit noch voller Schadenfreude gewesen, als der FN zu Lasten des politischen Gegners von der UMP bei den Wählern punktete. Doch jetzt dämmert dem Sozialisten, der als Kandidat für die „Jugend Frankreichs“ angetreten war, dass diese sich Marine Le Pen zugewendet hat. Das Umfrageinstitut Ipsos hat das Wahlverhalten der Wähler unter 35 Jahren analysiert: 30 Prozent der Jüngeren stimmten am 25. Mai für den Front National, jedoch nur 15 Prozent für die Sozialisten. Die UMP wiederum etabliert sich als Partei der Senioren: 25 Prozent der über 60 Jahre alten Wähler stimmten für UMP-Kandidaten.

          Marine Le Pen hat also Recht, wenn sie behauptet, „die erste Partei der jungen Franzosen“ zu sein.  Gerade jüngere Leute sind es, die sich für ihren Wahlslogan „Nein zu Brüssel, ja zu Frankreich“ begeistern können. Das liegt auch daran, dass in Frankreich seit Jahren der Unmut über „die da in Brüssel“ wächst.

          Politiker etablierter Parteien haben mit gezielter EU-Schelte den Zorn über die vermeintliche Bevormundung durch „Europa“ noch geschürt. Europabashing ist bei den Sozialisten wie in der UMP in Mode. Die Abwendung von der EU reicht noch weiter zurück. Im Mai 2005 sagte eine Mehrheit der Franzosen im Referendum „Nein“ zum europäischen Verfassungsvertrag. Das war eine deutliche Absage an die real existierende EU.

          In den unteren sozialen Schichten erfolgreich

          Doch dem politischen Establishment fiel es schwer, außer hehren Versprechungen auf die Kritik zu reagieren. Als dann Nicolas Sarkozy den Vertrag von Lissabon und Francois Hollande den europäischen Fiskalpakt ratifizieren ließen, fühlten sich die Wähler übergangen. Was war aus den Ankündigungen eines „anderen Europas“ geworden, in dem Frankreich wieder das Sagen hätte?

          Marine Le Pen hat es geschickt verstanden, all jene zu umwerben, die nicht von den Vorzügen eines freizügigen Europas ohne Grenzkontrollen und mit gemeinsamer Währung profitieren. Sie schnitt am Sonntag am besten in den unteren sozialen Schichten ab. Bei den Arbeitern kam sie auf 48 Prozent, die  regierenden Sozialisten hingegen nur auf acht Prozent. 38 Prozent der einfachen Angestellten stimmten für den Front National, 16 Prozent für die Sozialisten.

          Mit einem Ergebnis von landesweit 25 Prozent träumt die 45 Jahre alte FN-Vorsitzende nicht von Brüssel, sondern von Paris. Sie strebt an die Macht und sieht den Wahlsieg als Etappe. Deshalb fordert sie lautstark eine Auflösung der Nationalversammlung samt Wahlrechtsänderung zu ihren Gunsten. Sie rechnet damit, dass Hollande der hohen Arbeitslosigkeit nicht Herr wird und ihr damit 2017 den Weg in den Elysée-Palast ebnet.

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