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Europa-Wahlkampf der Union : Familientherapie erfolgreich abgeschlossen

Wäre es nach Kramp-Karrenbauer gegangen, hätte auch Merkel dabei eine Rolle spielen sollen. Nach ihrer Wahl zur CDU-Vorsitzenden hatte sie gehofft, Merkel für einen Auftritt in Münster gewinnen zu können. Denn international genießt die Kanzlerin so viel Respekt wie eh und je. Sie ist das wichtigste Gesicht der deutschen Europapolitik. In der Union sind viele unglücklich darüber, dass sich Merkel im Wahlkampf so zurückhält – just wo Deutschland nach 50 Jahren die Chance hat, mit Manfred Weber erstmals wieder den Kommissionspräsidenten zu stellen. Hinzu kommt: National erreicht kein Spitzenpolitiker der Union die liberale Mitte so gut wie Merkel. Kramp-Karrenbauer, die bisher vor allem darum bemüht ist, traditionell christdemokratische Milieus zurückzugewinnen und auch den ihr in Hamburg nur knapp unterlegenen Wirtschaftsfachmann Friedrich Merz einzubinden, hätte Merkel in Münster gerne an ihrer Seite gehabt, um das gesamte Spektrum der Parteifamilie namens Union präsentieren zu können.

Merkel will nur zwei Mal auftreten

Doch Merkel will nur zwei Mal im Europawahlkampf auftreten: Ende Mai, bei der Abschlusskundgebung in München, dort werden mehrere ausländische Staats- und Regierungschefs aus der EVP, der konservativen europäischen Parteifamilie, dabei sein, der auch CDU und CSU angehören. Und am 18. Mai in Zagreb. Mit diesem Termin in Kroatien will Merkel dem EVP-Spitzenkandidaten Weber auch einen persönlichen Gefallen tun. Merkel schätzt den besonnenen Weber, der im Schwesternstreit über die Flüchtlingspolitik stets um Ausgleich bemüht war.

Den ersten Teil ihrer Münsteraner Großveranstaltung haben CDU und CSU als Talkshow rund um die vier Themen Freiheit, Wohlstand, Frieden und Sicherheit konzipiert. Nicht nur Markus Söder, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet und Annegret Kramp-Karrenbauer plaudern auf der Bühne über die vielen Vorzüge Europas, sondern auch ein Pharma-Manager, ein Hersteller von Lastenfahrrädern, die deutsch-marokkanische Bundeswehroffizierin Nariman Hammouti-Reinke  oder die Studentin Johanna Schmidt, die mit einem der von der EU-Kommission verlosten Interrail-Ticket 4000 Kilometer im grenzenlosen Europa unterwegs war. Das Format hat den Vorteil, dass Weber die Parteifreunde nicht allein in Stimmung bringen muss. Dem CSU-Politiker wäre das schwergefallen. Weber ist ein eher spröder Redner.

Weber spielt sein Image als ehrlicher Politiker aus

In Münster versucht er – nach dem Motto mehr Weber wagen – sein Image als ehrlicher, bodenständiger Politiker auszuspielen. Die EU wirke oft technisch, am Ende bleibe von Europa bei vielen Leuten nur die Bürokratie übrig, sagt der aus Niederbayern stammende Weber. Deshalb müsse „Europa geerdet, vernünftig, nah an den Menschen sein“. Im Übrigen gelte für ihn, was einst Franz Josef Strauß formulierte: „Bayern ist meine Heimat, Deutschland unser Vaterland und Europa unsere Zukunft.“ In den kommenden Jahren und Jahrzehnten gehe es darum, den „European way of life“, die Freiheit, die Gleichheit von Mann und Frau, die Soziale Marktwirtschaft, für Europa zu bewahren und „vielleicht auch in die Welt zu tragen“. Kräftigen Applaus bekommt Weber für einen kleinen Exkurs über die abwesende Angela Merkel. Auch dank der Führung „unserer starken Bundeskanzlerin“ sei Europa in den vergangenen Jahren gut durch viele Krisen gesteuert worden.

Das ist ganz im Sinn von Annegret Kramp-Karrenbauer, die zum Abschluss die versammelte Prominenz von CDU und CSU zum großen Gruppenbild auf die Bühne der Halle Münsterland bittet: Gesundheitsminister Jens Spahn, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen oder Ralph Brinkhaus, der im vergangenen Jahr gegen den Willen Merkels zum Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewählt worden war. „Das ist das Signal, das wir heute aussenden“, ruft Kramp-Karrenbauer. „Wir sind eine Familie.“

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