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Nico Semsrott im Interview : „Ich bin das beste Argument für die Frauenquote“

Große Ziele: Martin Sonneborn, Vorsitzender der Partei, und Nico Semsrott beim Wahlkampfauftakt in Berlin Bild: dpa

Der Kabarettist Nico Semsrott will für „Die Partei“ ins Europäische Parlament. Ein Interview über die Macht von Satire, mögliche Konflikte mit dem Vorsitzenden Martin Sonneborn und seine Rolle als depressiver „Demotivationstrainer“.

          Herr Semsrott, die Satirepartei „Die Partei“ hat Sie bei der Europawahl auf Listenplatz zwei aufgestellt. Damit haben Sie gute Chancen, die nächsten fünf Jahre als zweiter Mann hinter Martin Sonneborn in Brüssel und Straßburg zu verbringen. Was können Sie besser als er?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Gar nichts. Das würde zumindest meine Figur antworten. Aber ich erschließe der Partei andere Wählergruppen, die jüngeren, unsicheren Wähler. Mein Ziel ist es, europäischer Kommissionspräsident zu werden, um Manfred Weber von der CSU zu verhindern und die Demokratie in Europa einzuführen. Dafür werde ich erstens Austrittsverhandlungen mit den Ländern Österreich-Ungarn, Polen und Sachsen führen. Zweitens werde ich dem EU-Parlament ein Initiativrecht zur Gesetzgebung und dem Bürger die Möglichkeit geben, die Kommission zu wählen. Das Motto lautet: Europa stärken, Deutschland schwächen.

          Das sind ja recht konkrete Vorhaben. Warum hat „Die Partei“ dann kein Wahlprogramm, sondern nur einen Generator, der jedem Nutzer anhand seiner Interessen ein eigenes Programm schreibt?

          Weil „Die Partei“ eine Anarcho-Gruppe ist und aus 35.000 Flügeln besteht. Da kann jeder machen, was er will. Am Ende geht viral, was am besten ankommt. Das ist das Motto der heutigen Turbo-Politik. Ich persönlich würde mich einem Realo-Flügel zurechnen. Ich bin für satirische Mittel, und wenn dabei noch gute Politik rumkommt, umso besser. 

          Ihr Ziel, Kommissionspräsident zu werden, ist nicht sehr realistisch …

          … abwarten, Trump hat auch keiner erwartet. 

          … aber was würden Sie denn bis dahin in Brüssel machen? Für den Steuerzahler wäre es nicht gerade billig, neben Herrn Sonneborn noch einen zweiten Satiriker zu finanzieren, der nur zum Spaß das viele Geld einstreicht.

          Es gab jetzt fünf Jahre lang 96 Abgeordnete aus Deutschland. Ich weiß nicht, wie viel Sie von denen mitbekommen haben. Ich garantiere, dass man von mir etwas mitbekommen wird. Demokratie funktioniert nur über Öffentlichkeit, Kontrolle gibt es durch Aufmerksamkeit. Ich finde es sehr wichtig, noch jemanden im Parlament zu haben, der Aufmerksamkeit schafft. Die anderen 94 Abgeordneten dürfen von mir aus gerne weiter unerkannt ihre Sacharbeit machen.

          Kann man sich bei Ihnen und Herr Sonneborn vielleicht auf einen Konflikt wie bei den CSU-Politikern Seehofer und Söder freuen, mit Schmutzeleien, jahrelangem Belauern und am Ende dem dramatischen Sturz von Herrn Sonneborn?

          Das ist eine gute Anregung, ich werde das in Betracht ziehen. Hauptsache die Klickzahlen stimmen.

          Eines Ihrer bisher erfolgreichsten Videos auf YouTube heißt „AFD-Wähler sind arm dran. Und schlechte Menschen.“ Was hat Sie als Poetry-Slammer an politischen Themen gereizt?

          Das war absoluter Zufall. Es war der letzte Poetry Slam, bei dem ich überhaupt im Wettbewerb aufgetreten bin. Mir war das Thema wichtig, aber ich bin davon ausgegangen, dass ich damit krachend scheitere. Das war im Mai 2016 und ich hatte den Eindruck, es äußern sich viel zu wenig Menschen zu diesem Thema eindeutig. Es hat mich enorm überrascht, dass das funktionierte.

          Gab es auch negative Reaktionen?

          Natürlich, der Raum, in dem das stattfindet, ist das Internet. Und jeder weiß, wie es da abläuft. Das Kunststück ist, nicht alles zu lesen und sich weiterhin mit seinen Freunden darüber auszutauschen, was man für richtig hält. An den Rest gewöhnt man sich.

          Ihre Rolle als Komiker ist die eines depressiven „Demotiviationstrainers“. Wie wollen Sie so Wähler an die Urne bringen?

          Mit mir können sich Wähler identifizieren. Ich bin ein ganzer normaler Mensch mit Selbstzweifeln, Selbsthass und ich fühle eine große Einsamkeit. Da denken viele: Das ist einer wie ich. Viele Menschen können sich in diesem kapitalistischen System völlig zu Recht nicht aufraffen, zur Arbeit zu gehen, weil alles sinnlos ist. Warum sollte man Lust darauf haben, in einer entfremdeten Arbeitswelt einen Bullshit-Job zu machen, der nur den Zweck hat, eine einem selbst unbekannte Person reicher zu machen? Mein Job des Demotivationstrainers ist der sinnloseste überhaupt, deswegen gucken Leute sich das freiwillig an. Sie erkennen sich wieder.

          Sie hatten als Jugendlicher wirklich Depressionen. Aus dieser Erfahrung heraus: Was müsste sich politisch für psychisch Kranke ändern?

          Grundsätzlich müsste man psychische Krankheiten normalisieren, indem man selbstverständlich drüber spricht. Dann muss man Schutzräume schaffen, sowohl im medizinischen als auch im sozialen Bereich. Es würde schon reichen, dass man nicht sechs Monate auf einen Psychotherapie-Platz warten muss. Auch eine andere Kultur des Scheiterns sollte etabliert werden: Dieser absurde Leistungsdruck sollte ersetzt werden durch die Einstellung, dass auch etwas schiefgehen darf.

          Das erinnert an Christian Lindner: Der FDP-Chef hat mit Blick auf die Häme über ein gescheitertes Start-Up-Projekt von ihm schon vor langem eine neue Fehlerkultur eingefordert. Gibt es da Überschneidungen?

          Nein, politisch bin ich das komplette Gegenteil von Christian Lindner. Leute wie er und seine Partei sind ja für diese brutale Leistungsgesellschaft zuständig. Er will keine sozialen Auffangnetze, er möchte den Sozialstaat abbauen. Das war ein schöner PR-Coup von ihm damals, aber es hat mit seiner Politik nichts zu tun.

          Der Zustand welcher Partei würde Sie als Mitglied heute am meisten deprimieren?

          Eindeutig: SPD. Katharina Barley, Spitzenkandidatin für die Europawahl, ist alleine auf einem Plakat mit dem Wort „Zusammenhalt“ zu sehen. Trauriger geht es gar nicht. Unser Motto war mal „Inhalte überwinden“, mittlerweile weiß man gar nicht mehr, wer hier wen persifliert. Als Satiriker kann man da oft nichts mehr drauflegen. Deswegen müssen wir uns über Inhalte abheben, so traurig das auch ist.

          In der SPD wird nach den Sozialismus-Phantasien von Juso-Chef Kevin Kühnert doch rege über Inhalte diskutiert.

          Das ist ein Ausrutscher, der der Parteiführung offenkundig peinlich ist. Alle rudern zurück. Und der Präsident des SPD-Wirtschaftsforums, Michael Frenzel, hat sogar Kühnerts Parteiausschluss gefordert, nur weil der das aktuelle Parteiprogramm vertritt. Ich wiederhole: Was soll man da als Satiriker noch oben drauflegen?

          Ein alter Vorwurf von Linken gegen „Die Partei“ ist, dass Sie ernsthaften linken Parteien die Stimmen wegnehmen – und damit Rechtspopulisten stärken. Stimmt das nicht?

          Das ist Unsinn. Ich weiß nicht, wer mal was von der Linken im Europaparlament mitbekommen hat. Es wird dort ohnehin eine rechte bis rechtsradikale Mehrheit geben. Die Progressiven haben keine Chance. Die Opposition kann man nur durch Öffentlichkeit stärken. Und die schafft man durch Satire. 

          Und was macht man mit der Öffentlichkeit?

          Impulse setzen, damit Menschen aktiv werden, Nichtregierungsorganisationen unterstützen oder auf Demos gehen. Julia Reda hat als einzelne Abgeordnete der Piratenpartei eine hervorragende Arbeit geleistet und Hunderttausende gegen Uploadfilter mobilisiert. Das kann man auch als Satiriker schaffen. Ich bin gegen Bewegung, alleine deswegen zähle ich mich zur Gegenbewegung.

          Wäre es nicht gut gewesen, wenn die Partei zur Abwechslung mal eine Frau nach Brüssel geschickt hätte?

          Ja. Ich bin für die Frauenquote und gleichzeitig das beste Argument dafür. Denn ich war selbst nicht bereit, auf Listenplatz zwei zu verzichten, ich wollte den unbedingt haben. Das beweist, dass es die Frauenquote braucht. Mein Ziel ist es auch, in Europa ein möglichst schwacher Kommissionspräsident zu sein, eine Art Übergangspräsident. Vom alten weißen Mann zu einem mittelalten, schwachen, weißen Mann, bei dem man nach einem Jahr sagt: Okay, jetzt reicht es uns mit den Männern wirklich. Jetzt brauchen wir eine Frau.

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