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Nico Semsrott im Interview : „Ich bin das beste Argument für die Frauenquote“

Sie hatten als Jugendlicher wirklich Depressionen. Aus dieser Erfahrung heraus: Was müsste sich politisch für psychisch Kranke ändern?

Grundsätzlich müsste man psychische Krankheiten normalisieren, indem man selbstverständlich drüber spricht. Dann muss man Schutzräume schaffen, sowohl im medizinischen als auch im sozialen Bereich. Es würde schon reichen, dass man nicht sechs Monate auf einen Psychotherapie-Platz warten muss. Auch eine andere Kultur des Scheiterns sollte etabliert werden: Dieser absurde Leistungsdruck sollte ersetzt werden durch die Einstellung, dass auch etwas schiefgehen darf.

Das erinnert an Christian Lindner: Der FDP-Chef hat mit Blick auf die Häme über ein gescheitertes Start-Up-Projekt von ihm schon vor langem eine neue Fehlerkultur eingefordert. Gibt es da Überschneidungen?

Nein, politisch bin ich das komplette Gegenteil von Christian Lindner. Leute wie er und seine Partei sind ja für diese brutale Leistungsgesellschaft zuständig. Er will keine sozialen Auffangnetze, er möchte den Sozialstaat abbauen. Das war ein schöner PR-Coup von ihm damals, aber es hat mit seiner Politik nichts zu tun.

Der Zustand welcher Partei würde Sie als Mitglied heute am meisten deprimieren?

Eindeutig: SPD. Katharina Barley, Spitzenkandidatin für die Europawahl, ist alleine auf einem Plakat mit dem Wort „Zusammenhalt“ zu sehen. Trauriger geht es gar nicht. Unser Motto war mal „Inhalte überwinden“, mittlerweile weiß man gar nicht mehr, wer hier wen persifliert. Als Satiriker kann man da oft nichts mehr drauflegen. Deswegen müssen wir uns über Inhalte abheben, so traurig das auch ist.

In der SPD wird nach den Sozialismus-Phantasien von Juso-Chef Kevin Kühnert doch rege über Inhalte diskutiert.

Das ist ein Ausrutscher, der der Parteiführung offenkundig peinlich ist. Alle rudern zurück. Und der Präsident des SPD-Wirtschaftsforums, Michael Frenzel, hat sogar Kühnerts Parteiausschluss gefordert, nur weil der das aktuelle Parteiprogramm vertritt. Ich wiederhole: Was soll man da als Satiriker noch oben drauflegen?

Ein alter Vorwurf von Linken gegen „Die Partei“ ist, dass Sie ernsthaften linken Parteien die Stimmen wegnehmen – und damit Rechtspopulisten stärken. Stimmt das nicht?

Das ist Unsinn. Ich weiß nicht, wer mal was von der Linken im Europaparlament mitbekommen hat. Es wird dort ohnehin eine rechte bis rechtsradikale Mehrheit geben. Die Progressiven haben keine Chance. Die Opposition kann man nur durch Öffentlichkeit stärken. Und die schafft man durch Satire. 

Und was macht man mit der Öffentlichkeit?

Impulse setzen, damit Menschen aktiv werden, Nichtregierungsorganisationen unterstützen oder auf Demos gehen. Julia Reda hat als einzelne Abgeordnete der Piratenpartei eine hervorragende Arbeit geleistet und Hunderttausende gegen Uploadfilter mobilisiert. Das kann man auch als Satiriker schaffen. Ich bin gegen Bewegung, alleine deswegen zähle ich mich zur Gegenbewegung.

Wäre es nicht gut gewesen, wenn die Partei zur Abwechslung mal eine Frau nach Brüssel geschickt hätte?

Ja. Ich bin für die Frauenquote und gleichzeitig das beste Argument dafür. Denn ich war selbst nicht bereit, auf Listenplatz zwei zu verzichten, ich wollte den unbedingt haben. Das beweist, dass es die Frauenquote braucht. Mein Ziel ist es auch, in Europa ein möglichst schwacher Kommissionspräsident zu sein, eine Art Übergangspräsident. Vom alten weißen Mann zu einem mittelalten, schwachen, weißen Mann, bei dem man nach einem Jahr sagt: Okay, jetzt reicht es uns mit den Männern wirklich. Jetzt brauchen wir eine Frau.

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