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Dolmetscherin und Kandidatin : „Ich habe gebetet, dass ich das nicht übersetzen muss“

  • -Aktualisiert am

Alexandra Geese bei einem Wahlkampfauftritt in Bonn mit Ska Keller, der Spitzenkandidatin der Grünen Bild: Lothar Schenkelberg

Die Grünen-Politikerin Alexandra Geese kandidiert erstmals bei der Europawahl – und hat doch schon Erfahrung mit dem EU-Parlament. Seit 2015 arbeitet sie dort als Dolmetscherin.

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          Wie wurden Sie Dolmetscherin im Europaparlament?

          Ich habe zunächst in Italien eine Ausbildung zur Dolmetscherin gemacht und anschließend nebenberuflich Politikwissenschaft studiert. Als ich 2010 zurück nach Deutschland gezogen bin, habe ich noch ein Masterstudium zur Konferenzdolmetscherin nachgeholt und mich anschließend bei der EU beworben. Ich fand Politik schon immer spannend, und die EU ist einer der großen Arbeitgeber in dieser Branche. Für Dolmetscherinnen und Dolmetscher ist das eine tolle Institution. Seit 2015 arbeite ich im EU-Parlament und übersetze Plenar-, Ausschuss-, Fraktions und Delegationssitzungen.

          Zu diesem Zeitpunkt waren Sie schon Mitglied der Grünen, nun sind Sie sogar Kandidatin. Ist das politische Engagement mit Ihrer Arbeit vereinbar?

          Ich sehe da keinen berufsethischen Widerspruch, und da ich freiberuflich für die EU arbeite und keine verbeamtete Dolmetscherin bin, bin ich da auch etwas freier. Es gibt aber eine starke Verschwiegenheitspflicht und ein Zurückhaltungsgebot in den sozialen Netzwerken – es geht allgemein darum, die Institution nicht schlecht darzustellen. Es gibt eher ein Zeitproblem, vor allem als ich noch in Bonn vor Ort Politik gemacht habe und dort öfter präsent sein musste.

          Wie sehen die Kollegen Ihr politisches Engagement?

          Vor meiner Kandidatur war das eher kein Thema, weil die meisten Kolleginnen und Kollegen sich mit politischen Aussagen zurückhalten. Im Wahlkampf wurde mein politisches Engagement natürlich bekannt, und dann wurde auch darüber gesprochen. Die meisten haben das positiv aufgenommen und mich unterstützt. Die finden es toll, dass eine Vertreterin des Berufsstandes ins Parlament einziehen könnte. Soweit ich weiß, bin ich auch die erste Parlamentsdolmetscherin, die diesen Weg geht.

          Die 50 Jahre alte Alexandra Geese aus Bonn kandidiert erstmals bei der Europawahl.

          Fällt es Ihnen schwer, auch Meinungen zu übersetzen, die Ihren eigenen widersprechen?

          Das kommt vor, aber es gehört zum Beruf dazu. Als nach der Kölner Silvesternacht 2016 Marine Le Pen eine Pressekonferenz zu diesem Thema geben wollte, war ich dafür eingeteilt. In dieser Situation habe ich gebetet, dass der Termin noch abgesagt wird. Kurz vor Beginn wurde er tatsächlich aus dem Programm genommen, da war ich schon sehr dankbar.

          Was haben Sie aus Ihrer Tätigkeit gelernt, was Ihnen als Abgeordnete helfen würde?

          Die persönlichen Beziehungen sind sehr wichtig, gerade im EU-Parlament, wo es keine klare Einteilung in Regierung und Opposition gibt. Und ich habe großen Respekt vor der Komplexität der Institutionen bekommen. In der Kritik, dass die EU zu kompliziert und zu weit weg von den Bürgerinnen und Bürgern sei, liegt ein Funken Wahrheit. Aber im Großen und Ganzen ist die EU eine riesige Kompromissmaschine, die für strittige Fragen, die früher zu Krieg geführt hätten, Lösungen findet.

          Wie groß ist die Sprachbarriere im Europaparlament?

          Für Personen, die nicht Englisch sprechen, ist es schwierig, aber das kommt nicht oft vor. Bei formellen Anlässen, die gedolmetscht werden, gibt es kaum Sprachbarrieren, weil der Sprachendienst wirklich sehr gut ist. Aber es ist schwieriger, die zwischenmenschlichen Beziehungen zu pflegen und die Situation in den Herkunftsländern der Kolleginnen und Kollegen zu verstehen.

          Wie würde sich die Arbeit im Europäischen Parlament verändern, wenn alle Abgeordneten die gleiche Sprache sprechen müssten?

          Es würde sprachlich und inhaltlich sehr oberflächlich werden, weil man sich in seiner Muttersprache einfach am besten ausdrücken kann. Wenn in Sitzungen alle Englisch sprechen, verstehen sich trotzdem nicht alle, weil jeder mit seinen Sprachkenntnissen das Gesagte anders interpretiert. Und es gibt eine soziale Komponente: Gutes Englisch sprechen vor allem Leute aus privilegierten Milieus. Menschen, die sich zum Beispiel einen Auslandsaufenthalt während der Schulzeit nicht leisten können, wären dann benachteiligt im politischen Wettbewerb.

          Sie stehen auf Listenplatz 17. Nach aktuellen Umfragen könnte das für Sie knapp ausreichen, um ins EU-Parlament einzuziehen. Wie sehen Sie Ihre Chancen?

          Ich bin zuversichtlich, aber wenn es nicht klappen sollte, würde ich weiter als Dolmetscherin arbeiten. Im umgekehrten Fall würde ich die Arbeit hinter der Glasscheibe aber sicher auch ein bisschen vermissen.

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