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Dortmunder EU-Wahl-Kandidatin : Keine Chance? Egal!

Jetzt auch mit Wahlplakaten ausgestattet: die CDU-Europakandidatin Annette Littmann Bild: Dieter Menne

Annette Littmann kandidiert für die NRW-CDU bei der Europawahl – auf Listenplatz 12. Sie wird wohl kein Mandat bekommen. Im Interview erzählt sie, warum sie trotzdem mit Begeisterung Wahlkampf macht.

          Frau Littmann, Sie waren 2014 Oberbürgermeister-Kandidatin in Dortmund und hätten es in der Herzkammer der Sozialdemokratie fast geschafft, die SPD zu schlagen. Sie kamen auf 48,4 Prozent. Jetzt stehen Sie auf Platz 12 der NRW-Liste der CDU für die Europawahl. Sie sind also chancenlos. Wie motivieren Sie sich?

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Ich habe dann eine Chance, wenn wir Adenauer-Ergebnisse erzielen! Aber Politik ist für mich nicht nur eine Karrierefrage. Es geht mir um die Sache, die mir sehr, sehr am Herzen liegt: Europa.

          Sie haben in Ihrem Wahlkampf mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. So fehlten bis vergangene Woche an einer der wichtigsten Stellen in Dortmund auch noch Großflächenplakate. Was war da passiert?

          In Dortmund gibt es die Bundesstraße 1, für Wahlkämpfe in Dortmund ist das der Maßstab. Nur leider hatten wir da keine Großflächen. Die CDU ist insgesamt, nicht nur in Dortmund, sehr spät in den Wahlkampf gestartet. Ende März ist erst das Wahlprogramm beschlossen worden. Mitte April kamen erst die ganzen Wahlmaterialien. Das war vermutlich dem Wechsel im CDU-Bundesvorsitz geschuldet. Und dieser Tage wurde ja auch bekannt, dass der CDU-Bundesgeschäftsführer in die Wirtschaft wechselt. Vermutlich ist in den vergangenen Wochen manches liegengeblieben bei so viel Umbruch.

          Und da wurden dann auch die Großplakate in Dortmund vergessen?

          Ich schaue nach vorne. Jetzt hängen die Plakate jedenfalls. Wir haben das vor wenigen Tagen nachgeholt. Eines konnten wir allerdings nicht heilen: die Listenaufstellung der CDU/CSU.

          Was haben Sie daran auszusetzen?

          Seit dem Versand der Briefwahlunterlagen wurde ich schon mehrfach gefragt, wie man denn bitte schön unseren EVP-Spitzenkandidaten Manfred Weber wählen könne. Der stehe ja gar nicht auf dem Stimmzettel! Leider ist das mit Ausnahme von Webers Heimat Bayern in ganz Deutschland so.

          Und das ist für Sie eine weitere Hürde im Wahlkampf?

          Nur CDU und CSU treten mit Landeslisten an. Ich halte das für einen Fehler. Die Union sollte bei der nächsten Europawahl auch den zweiten Schritt tun und eine Bundesliste aufstellen. Auf allen Stimmzetteln von Kiel bis Garmisch-Partenkirchen muss derselbe Spitzenkandidat für uns stehen.

          Zurück in Ihre Heimatstadt: In Dortmund ist für die Union der Wurm drin, Sie haben ja noch nicht mal einen Bundestagsabgeordneten …

          Wir sind die drittgrößte Stadt in Nordrhein-Westfalen, aber die CDU hat weder einen Bundestags-, noch einen Landtags-, noch einen EU-Abgeordneten. Mein OB-Wahlergebnis von 2014 zeigt jedoch: Die CDU hat auch in Dortmund eine Chance.

          Mit welchen Themen konfrontieren die Bürger Sie am Wahlkampfstand?

          Die Menschen tun sich sehr schwer zwischen Landes-, Bundes- und Europaebene zu unterscheiden. Über Europa, seine Konstruktion, seine Aufgabenverteilung ist sehr wenig bekannt. Zudem verbinden viele Bürger mit Europa leider vorwiegend negative Assoziationen, etwa überbordende Bürokratie, Zehntausende von hochbezahlten Beamten in Brüssel, Deutschland als EU-Nettozahler. Es gibt bei vielen eine Europa-Müdigkeit.

          Wie gehen Sie als Wahlkämpferin damit um?

          Ich versuche erst einmal zu erklären, dass unsere Wirtschaft vor allem dank der EU floriert. Das hören sich die Leute schon mal ganz gerne an. Was aber fehlt, ist ein emotionaler Überbau.

          Wie helfen Sie dem Mangel ab?

          Ich habe begonnen, sehr persönliche Geschichten zu erzählen. Ich bin 1960 in West-Berlin geboren, mitten hinein in eine Welt der vielen Grenzen. Die nur ein Jahr später errichtete Mauer war immer präsent, egal ob ich durch den Wald ging oder wir zu meinen Großeltern nach Rheinland-Pfalz fuhren. Bei Transitreisen durch die DDR wurde unser Auto bis 1973 beim Grenzübertritt jedes Mal komplett durchsucht. Meine Tochter bewegt sich heute völlig frei durch das wunderbar grenzenlose Europa. Regelmäßig besucht sie ihre Austauschfreundin in Frankreich. Und weil sie sich in einen Holländer verliebt hat, lernt sie gerade Niederländisch. Die Europäische Union ist der Grund dafür, dass wir heute so frei und gut leben.

          Für dieses Europa muss man kämpfen, auch wenn man im Wahlkampf keine Chance hat?

          Was heißt hier keine Chance? Europa ist die Chance, die es zu wahren gilt. Denn Europa ist eine so großartige Idee. Es geht um den europäischen „Way of Life“, der ganz anders ist als der „American Way“. Und wer wollte schon den chinesischen „Way of Life“ bevorzugen, wo die kommunistische Staatspartei die Bürger digital auf Schritt und Tritt überwacht und sie über Sozialpunkte zu einem ihr genehmen Verhalten drängt? Nur: Für unsere europäische Freiheit muss man schon was tun. Als Politikerin sehe ich es als meine europäisch-staatsbürgerliche Pflicht zu wahlkämpfen. Und die Bürger sollten bitte unbedingt wählen gehen! Denn am 26. Mai findet eine sehr, sehr wichtige Wahl statt.

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