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Europawahl : Alles fließt in Griechenland

Für den Fluss oder für die Etablierten? Ein orthodoxer Priester nach der Stimmabgabe in Athen Bild: dpa

Am Sonntag können die Griechen erstmals eine Partei wählen, die wirklich neu ist. Wer für To Potami („Der Fluss“) kandidieren will, muss eine Voraussetzung mitbringen: Er oder sie darf vorher kein Politiker gewesen sein.

          Seit drei Jahren ist Griechenlands politische Landschaft in ständiger Bewegung. Das alte Zweiparteiensystem, in dem sich die konservative Nea Dimokratia (ND) und die Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok) über Jahrzehnte beim Regieren ablösten, existiert nicht mehr. Die ND, seit 2009 geführt von Antonis Samaras, der 2012 auch Ministerpräsident wurde, hat sich noch vergleichsweise gut gehalten.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Sie bekommt zwar kaum halb so viel Unterstützung wie vor der Krise, aber laut Nachwahlbefragungen wurde sie bei der Europawahl am Sonntag nach der linkspopulistischen Partei Syriza von Oppositionsführer Alexis Tsipras immerhin zweitstärkste politische Kraft. Die Pasok von Außenminister Evangelos Venizelos konnte sich dagegen nur durch ein Wahlbündnis mit einigen sozialistischen Kleinparteien die Chance wahren, Abgeordnete nach Straßburg zu entsenden.

          Rechts und links von den früheren Volksparteien, aber auch zwischen ihnen, sind in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Parteien entstanden und nach mitunter kometenhaftem Aufstieg rasch wieder verglüht. Die Unabhängigen Griechen, gegründet von einem abtrünnigen ND-Politiker, erhoben die weit verbreitete Abneigung gegen Deutschland zum Parteiprogramm und fuhren eine Weile gut damit. Bei der ersten Wahlteilnahme gelang sofort der Einzug in das Athener Parlament.

          Inzwischen befindet sich die Partei aber schon wieder auf dem Weg nach unten, wo sie bereits erwartet wird: Die rechtspopulistische Bewegung Laos, die noch 2012 an der Regierung beteiligt war, spielt längst keine Rolle mehr. Sie wurde von der noch radikaleren Goldenen Morgenröte abgelöst, die am Sonntag ihre Stellung als drittstärkste Partei in Griechenland bestätigte.

          Die Demokratische Linke, Regierungspartei bis 2013, steht dagegen vor der Bedeutungslosigkeit. Eines hatten die meisten Neugründungen der vergangenen Jahre gemein: Sie wurden von etablierten Politikern geschaffen, die schon lange im Geschäft waren und sich in der Regel von ND und Pasok lossagten, als deren Sinkflug begann. Die Parteien trugen neue Namen, aber ihr Personal war das alte.

          Am Sonntag konnten die Griechen nun erstmals eine Partei wählen, die wirklich neu ist. Wer für To Potami („Der Fluss“) kandidieren will, muss eine Grundvoraussetzung mitbringen: Er oder sie darf kein Politiker gewesen sein. Anwälte, Studenten, Beamte, Unternehmer, Architekten, Bauern sind willkommen, Politiker nicht. To Potami hat die Politikerverdrossenheit der Griechen radikal zum Programm erhoben - und schaffte damit bei der ersten Wahlteilnahme am Sonntag auf Anhieb den Sprung nach Straßburg.

          „Es gab viele Politiker, vor allem Abgeordnete der Pasok, die zu uns kommen wollten, aber wir haben das abgelehnt. Wir wollen Leute ohne Parteivergangenheit“, sagt Kostas Argyros. Viele Jahre hat er als Journalist griechische Politik beschrieben, dann wurde er Potami-Kandidat für die Europawahlen. Auch Potami-Chef Stavros Theodorakis war Journalist. Er wurde in Griechenland berühmt durch seine Fernsehsendung „Protagonisten“, die das Leben einfacher Menschen dokumentierte. Als er im Februar die Gründung einer Partei ankündigte, war das eine Überraschung.

          Noch größer wurde sie, als im März erstmals die Umfragen To Potami erfassten und die Partei der Nichtpolitiker auf Anhieb als dritt- oder viertstärkste Kraft des Landes auswiesen. Die Wahlveranstaltungen von To Potami unterscheiden sich deutlich von jenen anderer Parteien. Es gibt keine Reden. Der Vorsitzende kommt auf die Bühne (wenn eine da ist), und sagt: „Guten Abend, mein Name ist Stavros Theodorakis. Lasst uns reden.“

          Dann dürfen die Zuhörer Fragen stellen, etwa 90 Minuten lang. Theodorakis vertritt gemäßigte linksliberale Positionen. Griechenland soll selbstverständlich im Euro und in der EU bleiben. Theodorakis kandidiert selbst nicht für das Europaparlament, da er, was für die griechische Elite sehr ungewöhnlich ist, weder Englisch noch sonst eine Fremdsprache spricht. Er ist Autodidakt ohne Studium. Manche sagen, er sei ein schwieriger Mensch und reagiere dünnhäutig auf Kritik.

          Derzeit macht er erste Erfahrungen damit, kritisiert zu werden. Journalisten behaupteten, einige von Theodorakis’ Fernsehreportagen seien fingiert gewesen, den Interviewpartnern seien Antworten vorgegeben worden, um die Geschichten zuzuspitzen. An solche Angriffe wird Theodorakis sich gewöhnen müssen. Die ostentative Politikerferne der Partei kann allerdings auf Dauer kein Programm sein, zumal sie sich seit Sonntag, da To Potami erstmals in ein Parlament einzieht, bald von selbst erschöpfen wird. Auf Parteiveranstaltungen werden T-Shirts mit dem fälschlich Heraklit zugeschriebenen Diktum „panta rhei“ („alles fließt“) als Aufschrift verkauft. Um dauerhaft Erfolg zu haben, wird „Der Fluss“ aber Wege finden müssen, nicht vom eigenen Erfolg fortgespült zu werden.

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