https://www.faz.net/-gpf-77yz0

Zypern : Von Zwischenstopps und Zwischenhändlern

Die Laiki Bank ist immer noch geschlossen Bild: dpa

Ein bisschen Korruption, ein wenig Wegsehen, eine Prise Größenwahn - Zyperns fatales Geschäftsmodell entstand nicht aus dem Nichts. In der abzuwickelnden Laiki Bank üben sich Bankmitarbeiter in Zynismus. Andere empfehlen künftigen Krisen-Ermittlern, die letzten Käufe griechischer Staatsanleihen unter die Lupe zu nehmen.

          Julije Kemeny ist ein Jude aus Serbien, der den Zweiten Weltkrieg überlebte und seit Jahrzehnten in Frankfurt lebt, von wo aus der rüstige alte Herr regelmäßig Freunde in Israel besucht. In den neunziger Jahren fiel ihm auf, dass die staatliche jugoslawische Fluglinie „Jat“ fast täglich bemerkenswert preiswerte Flüge nach Tel Aviv anbot. „Man musste zwar in Belgrad umsteigen“, erinnert sich Kemeny. Er habe sich allerdings gefragt, warum derartige Flüge überhaupt angeboten wurden, denn es gab keine nennenswerten Beziehungen zwischen Israel und dem Staat des Gewaltherrschers Slobodan Milošević. „Trotzdem war die Maschine bis zum letzten Platz ausgebucht. Ich wunderte mich, dass so viele Serben plötzlich Israel besuchen wollten.“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Bei seinem ersten Flug wurde Kemeny jedoch klar, warum die Route so beliebt war - es lag an einem kleinen Zwischenstopp. „Nach drei Stunden Flug landeten wir auf dem Flughafen in Larnaka, wo bis auf eine Handvoll Passagiere alle Reisenden ausstiegen. Es war interessant zu sehen, dass viele der in Zypern aussteigenden Gäste mit Ketten gesicherte Aktenkoffer bei sich trugen.“ So sei es stets gewesen - bis Larnaka war der Flug voll, die kurze Weiterreise bis Tel Aviv war dann fast ein Privatflug.

          „Dies hier ist jetzt ein Museum“

          Einer der Orte, an dem das schwarz-blutrote Geld des Milošević-Regimes weißgewaschen wurde, lange bevor das russische Kapital die Insel überschwemmte, ist ein sieben Stockwerke hoher Palast aus Glas und Stahl in der Limassol-Avenue 85 am Rande von Zyperns Hauptstadt Nikosia. Hier steht seit 1996 das Hauptquartier der Laiki Bank, der großen zyprischen Kreditanstalt, die zuletzt nur noch über Nothilfen der Europäischen Zentralbank am leben gehalten wurde.

          In der Limassol-Avenue 85 waren die Laiki-Topmanager am Werke; jene, die das Desaster ausgeheckt haben. Im dritten Stock befand sich das „Risikomanagement“, jene Abteilung also, deren Aufgabe es war (oder gewesen wäre), die Geschäftsführung vor waghalsigen Spekulationen zu warnen. Im sechsten Stock saß der Vorstand. In der Etage darüber befand sich eine Cafeteria mit Blick über die Stadt. Seit dem Wochenende ist klar, das hier nie wieder regulärer Betrieb herrschen wird. Die meisten der etwa 2300 Laiki-Banker in Zypern werden bald keinen Job mehr haben. Auch die Mitarbeiter der Tochtergesellschaften müssen um ihre Arbeitsplätze bangen. Allein in Griechenland sind es mehr als 3000, in der Ukraine etwa 1300.

          An diesem Dienstag ist die Zentrale des einst zweitgrößten Kreditinstituts der Insel fast menschenleer. Die Laiki Bank hat immer noch geschlossen. Hier und da huscht jemand über die Flure, neben einem Büro haben sich trotz des arbeitsfreien Tages einige Angestellte eingefunden und diskutieren in gedämpften Ton über die Lage. „Wollen Sie nicht etwas kaufen?“, fragt ein Angestellter den Besucher und fügt sarkastisch hinzu: „Hier wird nichts mehr passieren, aber wir bleiben hier, um den Laden sauber zu halten.“ Ein anderer witzelt: „Dies hier ist jetzt ein Museum.“

          Weitere Themen

          Conway sorgt für nächsten Eklat Video-Seite öffnen

          Trump-Beraterin : Conway sorgt für nächsten Eklat

          Die Seniorberaterin des Weißen Hauses, Kellyanne Conway, verteidigt den amerikanischen Präsidenten auf denkwürdige Weise. Während einer Pressekonferenz fragt sie einen der Reporter nach seiner ethnischen Herkunft, um Trumps Äußerungen zu verteidigen.

          Hauptsache, gut

          Griechenland regiert : Hauptsache, gut

          Zwei Tage nach der Parlamentswahl ist die neue Regierung im Amt. Griechenlands Regierungschef nimmt auch parteifremde Minister in sein Kabinett auf.

          Topmeldungen

          Lichtverschmutzung : Der helle Wahnsinn

          Die Nacht verschwindet und mit ihr zahlreiche Tierarten. Dabei wäre es so einfach, das Licht in den Städten zu dimmen, ohne auf Sicherheit zu verzichten. Wie der Wandel gelingen kann, führt die Sternenstadt Fulda vor.

          Shitstorm des Tages : Ein „Aufstand der Generäle“ als Rohrkrepierer

          Uwe Junge ist rhetorisch kampferprobt. Gegen die neue Verteidigungsministerin fährt der AfD-Politiker und ehemalige Stabsoffizier ganz großes Geschütz auf. Doch der Schuss geht nach hinten los. Übrig bleibt geistiges Brandstiftertum.
          Der neue Vorsitzende der Tories? Boris Johnson in Maidstone

          FAZ Plus Artikel: Mit neuem Tory-Vorsitz : Der Deal ist so gut wie tot

          Im andauernden Machtkampf um die Parteispitze der Konservativen wird deutlich: Der ausgehandelte Deal ist kaum noch zu retten. Boris Johnson spielt stattdessen öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen – um der EU zu drohen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.