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Zypern : Unterwegs auf der geteilten Straße

Auf den Straßen von Nikosia machen die Zyprer ihrem Ärger Luft Bild: AP

Der türkische Teil von Nikosia boomt, der griechische ist eleganter, aber vor den Geldautomaten stehen die Leute in diesen Tagen Schlange. Und Zyperns Politiker staunen, dass sich alle Welt für sie interessiert.

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          Das letzte Wochenende vor Armageddon beginnt friedlich. Auf der Ledra-Straße im Zentrum von Zyperns Hauptstadt Nikosia sind zwei Maschinenpistolen, ein Funkgerät und zwei Eierhandgranaten für insgesamt sechs Euro im Angebot - wenn das kein fairer Preis ist. Das Spielset „Trump Force“ eignet sich ideal zum Nachspielen der türkischen Invasion von 1974 und ist ein Verkaufsschlager. Der fliegende Händler hat einen ganzen Stapel des in Plastik eingeschweißten Waffenarsenals aus Fernost im Angebot.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Einige Schritte weiter, im Blumenladen „Violetta“, hängt ein Schild. „Aushilfe gesucht: Mädchen für Arbeit. Filipina, Chinesin, Vietnamesin, Thailänderin. Visum wird besorgt“. Billige Arbeitskräfte aus Asien sind in den vergangenen Jahren zu Zehntausenden nach Zypern geströmt. Im Schatten falscher Wirtschaftsblüte kamen vor allem Frauen von den Philippinen, aus Sri Lanka und Vietnam. Auf die Frage, ob sich auch Einheimische auf die Stelle bewerben können, sagt die Besitzerin des Ladens: „Ich finde seit Jahren keine einheimischen Bewerber mehr.“

          Im zyprischen Parlament sitzen einstweilen keine Abgeordneten mit südostasiatischem Migrationshintergrund. Die Volksvertretung der Griechen Zyperns ist fest in griechischer Hand. Seit der vergangenen Woche erleben die 56 Abgeordneten die dramatischsten Tage ihrer Karrieren. Nach hitziger Debatte nahm das Parlament in der Nacht zum Samstag ein Gesetz zur Einführung von (offiziell nur zeitweiligen) Kapitalverkehrskontrollen an. Schmuggler werden bald gute Zeiten haben. Ein russischer Geschäftsmann versichert, erste Schlupflöcher zur Umgehung der Kontrollen seien gefunden. Wer auf 15 Prozent seines Guthabens verzichte, dürfe den Rest mit einem Trick ins Ausland überweisen. Wie der Trick funktioniert, verrät er nicht.

          Die Europäer sollen zahlen

          Die Ledra-Straße, Odos Lidros auf Griechisch, ist eine levantinische Legende. Seit Jahrhunderten eine belebte Meile des städtischen Handels, wurde sie schon 1964, zehn Jahre vor der türkischen Invasion, zwischen Griechen und Türken aufgeteilt. Der kürzere, kaum 200 Meter lange Teil der Straße war seither rein türkisch. Seit dem türkischen Blitzkrieg von 1974 trennten Mauern und Stacheldraht scheinbar endgültig die Straße. Doch im April 2008 vereinbarten griechische und türkische Zyprer, sie wieder ein Stück weit zu öffnen. Wer sich ausweisen kann und ein Visum der „Türkischen Republik Nord-Zypern“ beantragt, darf beide Teile besuchen. Vor allem Griechen nutzen das. Während der griechische Teil eleganter ist, kann man auf der türkischen Seite nämlich billiger einkaufen.

          Zyperns Parlament nahm in seiner Nacht-und-Nebel-Sitzung außerdem ein Gesetz zur „Neuordnung“ des Bankenwesens an. Auch Zypern soll künftig „gute“ und „schlechte“ Banken (bad banks) haben. Die zyprische Volksbank wird demnach schon nächste Woche nicht mehr in der bisherigen Form existieren. Aber das gilt in gewisser Weise ohnehin für alle zyprischen Banken. Zwar stimmten nur 26 Abgeordnete für das Gesetz, weil sich jedoch die formal kommunistische „Fortschrittspartei des werktätigen Volkes“ (Akel) als größte Oppositionskraft enthielt, kam die nötige einfache Mehrheit dennoch zustande. Der Plan werde „unserem Land neues Leiden“ bringen, schimpfte Akel-Chef Andros Kyprianou. Zyperns vor wenigen Wochen noch regierende Kommunisten hatten dafür gekämpft, dass die Banken sowie die Einlagen der sogenannten Oligarchen nicht angetastet werden. Dafür sollten die Europäer zahlen. Doch in ihrem Kampf für die unterdrückten Großsparer musste sich die Akel der Plutokratie geschlagen geben. Da fiel es kaum auf, dass das Parlament auch einen „Solidaritätsfonds“ beschloss, dessen Finanzierung ungewiss blieb.

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