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Griechische Schuldenkrise : Schäubles kleines Einmaleins

Halbstarker Auftritt: Giannis Varoufakis und Alexis Tsipras im Athener Parlament Bild: AP

Der deutsche Minister der Finanzen zeichnet ein freundliches Bild von Giannis Varoufakis. Doch der griechische Finanzminister dreht im Athener Parlament nur noch stärker an der Eskalationsschraube. Der Eurozone stehen aufreibende Wochen bevor.

          6 Min.

          Giorgos Papakonstantinou, Evangelos Venizelos, Philippos Sachinidis, Giorgos Zannias, Giannis Stournaras, Gikas Hardouvelis: Sechs griechische Finanzminister hat Wolfgang Schäuble im Zuge der Eurokrise schon erlebt. Vom Finanzminister Nummer sieben seit Beginn der Athener Gesundschrumpfungskur im Jahr 2010, Giannis Varoufakis, zeichnete der Kassenwart Angela Merkels zum Abschluss des G-20-Gipfels in Istanbul ein respektvolles Bild. Bevor er nach Brüssel weiterreiste, wo sich die Finanzminister der Eurozone am Mittwoch zu Diskussionen über Griechenland trafen, antwortete Schäuble auf eine Frage der F.A.Z., ob er nach seiner ersten persönlichen Begegnung mit Varoufakis in der vergangenen Woche die Möglichkeiten für eine Einigung mit der neuen Athener Regierung optimistischer oder pessimistischer sehe: „Ich weiß nicht, wie ich vorher war. Aber natürlich verfolgt man die Entwicklungen in den wichtigen europäischen Partnerländern. Ich habe mir schon vorgestellt, dass Politiker, die in einem anderen Land so erfolgreich Wahlkampf führen und ein so hohes Maß an Vertrauen der Bevölkerung gewinnen, ganz gut sind. Ich habe da grundsätzlich Respekt.“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Varoufakis sei „ein ausgewiesener Ökonom“, der sich intensiv beschäftigt habe mit Fragen der „sogenannten Euro-Krise“, sagte Schäuble weiter. Er ging auch auf das Rockstarimage des Griechen ein: Es möge für Medien interessant sein, „ob einer das Hemd über oder unter der Hose trägt“, ihm aber sei es „relativ wurscht“, ob jemand eine Krawatte trage oder nicht. Varoufakis sei ein zivilisierter Mensch, bei der ersten Begegnung in Berlin habe man „ganz höflich und normal“ diskutiert.

          Als Schäuble dieses freundliche Bild zeichnete, war noch nicht bekannt, dass Varoufakis in der Debatte vor der Vertrauensabstimmung über die neue griechische Regierung im Athener Parlament noch einmal an der Eskalationsschraube drehen würde: „Wenn man es nicht einmal wagt, an einen Bruch zu denken, dann verhandelt man nicht. Wenn man schon vorher erklärt, dass man ein paar Tage vergehen lasse, bevor man dann in letzter Minute das annehme, was einem angeboten wird, wird man verlieren“, sagte Varoufakis laut der ganz auf Regierungskurs eingeschwenkten Zeitung „Ta Nea“. Wer so verhandele, solle besser zu Hause bleiben „und auf die Versendung einer Entscheidung per E-Mail zu warten“, schob Varoufakis vor der von den Regierungsparteien souverän gewonnenen Abstimmung in der Nacht zum Mittwoch hinterher.

          Griechenland : Alles auf Anfang? - Stimmungsbericht aus Athen

          Schäuble lehnt Nachverhandlungen ab

          Bei anderen Gelegenheiten hatte Varoufakis dieser Tage dagegen noch gesagt, es gebe keinen Streit mit der Eurozone, und es gehe auch nicht darum, wer zuerst die Nerven verliere: „Es wird kein Duell geben, keine Drohungen und keine Frage, wer zuerst blinzelt.“ Doch ohne Blinzeln wird es nicht abgehen in den kommenden Wochen – jedenfalls dann nicht, wenn ein griechisch-europäischer Auffahrunfall noch vermieden werden soll. Das wurde auch aus den Äußerungen Schäubles in Istanbul deutlich, der nach seinen freundlichen Worten über Varoufakis ungerührt ausführte, dass Athen nach all den schwierigen und unpopulären Kompromissen, auf die sich Griechenlands Sponsoren in den vergangenen Jahren eingelassen haben, nicht schon wieder Nachverhandlungen erwarten könne – schon gar nicht, wenn die neue Regierung darauf beharrt, mit der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds nicht länger zusammenzuarbeiten.

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