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Bürgermeister von Wien : Michael Häupl hat es wieder geschafft

SPÖ-Urgestein: Michael Häupl Bild: AP

Es ist noch einmal gut gegangen: Michael Häupl, seit zwei Jahrzehnten Bürgermeister von Wien, hat die Landeswahl mit der SPÖ gewonnen. Gerettet hat er sich mit einem Kniff – und einem lauten Fanfarenstoß.

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          Michael Häupl ist ein Intellektueller in der Gestalt eines Fiakerkutschers. Der Wiener Bürgermeister, seit zwei Jahrzehnten im Amt, zeigt sich gern grantelnd, polternd, patriarchalisch, als Stadtoberhaupt von altem Schrot und Korn. „Für Wien braucht’s a G’spür“, hat der Sozialdemokrat im Wahlkampf plakatieren lassen, um diese Eigenschaften herauszustreichen.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Aber hinter der altväterlichen Fassade steckt eine vielschichtige Persönlichkeit: Da ist der belesene Biologe und Zoologe, der 1977 mit einer Arbeit über den Schädelbau des Geckos promoviert wurde. Mit Häupl kann man aber ebenso trefflich über den Marxismus diskutieren (Marx’ Methodik und ökonomische Theorien hält er für brauchbar, das Staatsverständnis des klassischen Marxismus nicht) wie über den 19.-Jahrhundert-Bürgermeister Karl Lueger, einen Christlich-Sozialen, dessen Antisemitismus rundum verabscheut wird, dem Häupl aber durchaus Leistungen bei der Modernisierung Wiens zubilligt.

          Es gibt aber auch den eiskalt kalkulierenden Machtpolitiker Häupl. Nicht nur die politischen Gegner, auch die Koalitionspartner der vergangenen Jahre, die Grünen, haben das schmerzhaft zu spüren bekommen. Als sie Druck auf Häupl machen wollten, um eine Wahlrechtsreform durchzusetzen, die den SPÖ-Interessen zuwider war, wurde kurzerhand einer ihrer Mandatare abgeworben. Damit war die Reform nicht mehr gegen die SPÖ durchsetzbar.

          Mit lauter Fanfare

          Jetzt, da er sich zum fünften Mal zur Wahl an der Spitze der österreichischen Hauptstadt und zugleich des wichtigsten Bundeslandes stellte, hätte er sich allerdings beinahe verspekuliert. Immer dramatischer gingen die Werte für die Wiener SPÖ in den Umfragen zurück. Das hatte nicht nur mit der Flüchtlingskrise zu tun, die schon die vorherigen drei Landeswahlen dieses Jahres überschattet und der FPÖ gewaltig Aufwind verschafft hatte, sondern auch mit dem Erscheinungsbild einer abgehalfterten, nurmehr dem Erhalt der Macht verschriebenen sozialdemokratischen Partei. Häupl schien das „G’spür für Wien“ abhandengekommen zu sein.

          Da entsann er sich eines Stilmittels, das er Anfang dieses Jahrtausends schon einmal erfolgreich angewandt hatte, damals gegen den FPÖ-Matador Jörg Haider. Er baute sich - es war gerade die „schwarz-blaue“ Regierung Schüssel im Bund an die Regierung gekommen – als Gegenspieler Haiders auf, setzte dessen ausländerfeindlichen Parolen die Öffnung der Wiener Gemeindewohnungen für Nichtösterreicher entgegen. Damit gewann Häupl vorübergehend die absolute Mehrheit für die SPÖ zurück.

          Ähnlich jetzt, als Häupl Quartiere für durchreisende Flüchtlinge wie auch für bleibewillige Asylbewerber zur Verfügung stellte. Das taten natürlich auch andere Bundesländer, auch die konservativ regierten; diese jedoch verschämt und widerwillig, Häupl dagegen mit lauter Fanfare. Mit solchen Zeichen ist es ihm gelungen, zwar nicht die Arbeiterschaft des klassischen „roten Wien“ für die SPÖ zurückzugewinnen, wohl aber viele Strache-Gegner aus anderen Lagern. Das hat der Wiener SPÖ noch einmal die Rolle der stärksten Kraft gerettet.

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