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Zukunft Griechenlands : Tsipras, Putin und das große Spiel

  • -Aktualisiert am

Willkommenskultur: Angela Merkel begrüßt den wie stets krawattenlosen Alexis Tsipras in Brüssel Bild: Polaris/laif

Im sechsten Jahr der Griechenland-Rettung hat sich die Welt verändert. Das bleibt nicht ohne Wirkung auf die Strategie der Europäischen Union. Szenarien, wie es nach dem Treffen von Alexis Tsipras mit Angela Merkel in Berlin weitergehen könnte.

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          Als Angela Merkel zum Abschluss des EU-Gipfels am Freitag vor die Presse trat, hatte sie in der zurückliegenden Nacht ihr erstes längeres Gespräch mit Alexis Tsipras über den Schuldenstreit geführt. Drei Stunden dauerte das nächtliche Spitzentreffen, über das nun unterschiedliche Deutungen verbreitet wurden.

          Majid Sattar
          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Eine Botschaft war der Bundeskanzlerin besonders wichtig – auch im Blick auf die Fortsetzung ihres Gesprächs mit dem griechischen Ministerpräsidenten an diesem Montag in Berlin: An der Debatte über einen „Grexit“, ein Ausscheiden Athens aus der Eurozone, habe sie sich zu keiner Zeit beteiligt. Und das werde sie auch jetzt nicht tun.

          Brüssel : Merkel: „Alles soll schnell gehen"

          Jene wiederkehrende Debatte hatte zu Jahresanfang in der Bundesregierung abermals begonnen. In Erwartung der griechischen Parlamentswahl und vor dem Hintergrund der Ankündigung der linkspopulistischen Partei Syriza, das Sparprogramm zu beenden, war aus einzelnen Ressorts in Berlin eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen worden, die sich dann allerdings – sehr zum Ärger der Kanzlerin – verselbständigte: Der gemeinsame Währungsraum sei heute ungleich besser auf die Krise in Athen vorbereitet als in den Jahren 2011 und 2012. Die Eurozone sei nicht mehr erpressbar.

          Planspiel Europa

          Insgesamt verbreitete sich – auch durch mediale Zuspitzung – der Eindruck, Berlin bereite sich auf den Fall der Fälle vor. Die Regierung befand sich nunmehr in einem Dilemma: Weder konnte sie die Selbstverständlichkeit dementieren, dass sie sich auf alle Eventualitäten vorbereitet, noch wollte sie bestreiten, dass die Eurozone inzwischen über Mechanismen verfügt, die eine Ansteckungsgefahr lindern.

          Es blieb folglich bei allgemeinen Beschwörungsformeln: Eine Stärkung der Eurozone insgesamt bleibe das Ziel der Bundesregierung. Am Donnerstag dann, bevor Merkel nach Brüssel aufbrach, zitierte die Kanzlerin in ihrer Regierungserklärung im Bundestag sich selbst: „Ich habe immer wieder gesagt: Scheitert der Euro, scheitert Europa.“ Das war die Formel, die auf dem Scheitelpunkt der Krise herangezogen wurde, um die strittigen Hilfsprogramme zu rechtfertigen.

          Ist 2015 also doch 2012? Scheitert Athen, scheitert der Euro, scheitert Europa? Ist die Eurozone also doch nicht weiter? Merkel deutete an, dass ihre Formel heute anders zu verstehen sei: „Die Welt schaut auf uns“, sagte sie. Doch der Reihe nach.

          Mehrere Theorien, Modelle und Szenarien hat man im Finanzministerium in Berlin und in der Europäischen Zentralbank in Frankfurt durchgespielt. Eine Theorie, welche vor drei, vier Jahren noch Furcht und Schrecken verbreitete, wurde zwischenzeitlich aussortiert: die Dominotheorie. Nach dieser hätte ein Austritt Griechenlands aus dem Euroraum unmittelbar zur Folge, dass die Finanzmärkte weitere überschuldete Staaten Südeuropas ins Visier nähmen. Spanien, Portugal fielen wie Dominosteine um. Erreichte die Kette Frankreich, wäre der Euro Geschichte.

          Ballast- oder Musterfall-Theorie

          In der Bundesregierung wird dieses kurzfristige Szenario inzwischen ausgeschlossen: Heute steht mit dem Rettungsschirm ESM ein wirksamer Fonds bereit, um unter Druck stehende Staaten mit Geld zu versorgen: Eine halbe Billion Euro hat man dafür zur Verfügung. Zudem ist die südeuropäische Flanke nicht mehr in gleichem Maße krisenanfällig. Auch wird auf die Banken-Stresstests verwiesen. Ohne die Dominotheorie bleiben zwei Theorien übrig: die Ballast- und die Musterfall-Theorie.

          Erstere wird von einigen Ökonomen vertreten und besagt in Kürze, dass die Eurozone sich des griechischen Sonderfalls entledigen müsse, um sich selbst zu stärken: Ohne das schwächste Glied in der Kette gewinne die Kette insgesamt wieder an Stärke – also die europäischen Institutionen an Vertrauen. Auch politische Folgekosten der Krise, die Erfolge euroskeptischer beziehungsweise -feindlicher Parteien, ließen sich womöglich bremsen. In Kauf nehmen würden die Geberländer die Verbuchung finanzieller Verluste: Allein Deutschland haftet als Geberland direkt und indirekt mit rund 65 Milliarden Euro. Ein großer Teil des Geldes wäre verloren.

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