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Kommissionspräsidentschaft : Zweite Wahl

Kommissionspräsidenten plaudern: Josè Barroso und Romano Prodi Bild: AP

Taktiert, blockiert, gepokert und aus dem Hut gezaubert: Wie der Portugiese Barroso der richtige Mann für das Amt des Kommissionspräsidenten wurde.

          Das Stück mit dem Titel "Zweite Wahl" ist vor zehn Jahren fast an gleicher Stelle uraufgeführt worden. Nur die Akteure waren andere. Den Part des damaligen Hauptdarstellers Jacques Santer hat nun der jugendlicher wirkende José Manuel Durão Barroso übernommen. Weder der wackere, letztlich glücklose Luxemburger noch der vor dem Sprung nach Brüssel stehende Portugiese haben jemals den Eindruck erweckt, sie strebten nach dem Part des EU-Kommissionspräsidenten.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Erst nach seiner Kür durch die Staats- und Regierungschefs stehen dem 48 Jahre alten Politiker die Pflichtaufgaben bevor. Zunächst muß er sich am 22. Juli dem Vertrauensvotum der Europaabgeordneten stellen. Erst Anfang November, wenn die Ressortverteilung der 25 Kommissare feststeht und das Kollegium den parlamentarischen Segen erhalten haben dürfte, kann für den Mann aus Europas Südwestecke die eigentliche Bewährungsprobe beginnen.

          „Mit Realismus und Begeisterung“

          Das Problem, das Nicht-Iberer mit seinem länglichen Namen haben könnten, hat der designierte Prodi-Nachfolger prompt aus der Welt geschafft. "Nennen Sie mich einfach Barroso", erklärte der Mann mit dem pausbäckigen Gesicht und einem verschmitzten Grinsen, an das man sich in Brüssel noch wird gewöhnen müssen. Wortreich skizziert er seine künftige Aufgabe. "Ich habe vor, meine Funktion mit einem großen Anteil an Realismus und Begeisterung, aber auch mit einem Tick Ehrgeiz wahrzunehmen", sagt Barroso und fügt hinzu, das sei nicht widersprüchlich.

          1994 hatte es im nur einen Steinwurf entfernten, nach Karl dem Großen benannten "Charlemagne"-Gebäude ähnlich geklungen. Regisseur war damals nicht der umtriebige Iren-Premier Bertie Ahern, sondern der deutsche Bundeskanzler und damalige EU-Ratsvorsitzende Kohl. Als den "richtigen Mann" pries er damals den - ebenso wie Barroso - zur christlich-demokratischen Familie der Europäischen Volkspartei (EVP) zählenden Kandidaten Santer, der die EU in einer Zeit der Europa-Müdigkeit durch Kompromisse auf dem Einigungspfad voranbringen könne.

          Die britischen Premiers

          Noch mehr Parallelen zwischen Santer und Barroso, dem Luxemburger und dem Lissabonner, drängen sich auf. Beide haben ihre Berufung nicht zuletzt einem britischen Premierminister, der mit Europa und vor allem mit der heimischen öffentlichen Meinung nicht im reinen ist, zu verdanken. Im Juni 1994 hatte Premierminister Major den als zu föderalistisch angesehenen belgischen Regierungschef Dehaene als Kandidaten beim Gipfeltreffen auf der griechischen Mittelmeerinsel Korfu durchfallen lassen.

          Drei Wochen später war er bereit, den ähnlich bundesstaatlich denkenden, aber weniger durchsetzungsfähigen Santer durchzuwinken. Nun sorgten die Gedankenspiele des Major-Nachfolgers Blair dafür, daß die EVP sich letztlich mit ihrer Ablehnung des heutigen belgischen Regierungschefs Verhofstadt und dem Anspruch durchsetzen dürfte, der Kommissionspräsident müsse aus der Familie des Siegers der Europawahlen kommen.

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