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Tragödie im Mittelmeer : Flüchtlingsschiff mit 300 Menschen in Seenot

  • -Aktualisiert am

Erschöpft nach dem tödlichen Drama: Retter der italienischen Küstenwache und gerettete Schwarzafrikaner auf der „Bruno Gregoretti“ im maltesischen Hafen von Valetta Bild: AP

Angesichts der dramatischen Situation auf dem Mittelmeer versucht Italien, andere EU-Staaten für eine gemeinsame Operation zu gewinnen. Unterdessen sind mehrere weitere Flüchtlingsschiffe in Seenot geraten. Eines ist gesunken.

          Im Mittelmeer sind nach bisher unbestätigten Informationen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) drei weitere Schiffe mit Flüchtlingen in Seenot geraten. Dies habe ein Anrufer, der sich angeblich auf einem der Boote befand, berichtet, sagte ein IOM-Sprecher am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Auf einem Schiff, das am Sinken sei, befänden sich nach Angaben des Anrufers 300 Menschen, 20 von ihnen seien gestorben.

          Zu einem weiteren Unglück kam es vor der Mittelmeerinsel Rhodos. Dort ist nach Angaben der griechischen Küstenwache ein Segelboot mit Dutzenden Flüchtlingen an Bord auf Grund gelaufen. Mindestens drei Insassen, darunter ein Kind, seien ertrunken. Mehr als 90 Flüchtlinge hätten gerettet werden können, 30 von ihnen würden im Krankenhaus behandelt. Das griechische Fernsehen zeigte Bilder des völlig zerstörten Holzboots vor der Küste. Am Wrack hielten sich Flüchtlinge fest. Einige von ihnen versuchten zum Strand zu schwimmen.

          Am Mittag hat die italienische Küstenwache unterdessen noch einmal die schon bekannten Zahlen der Opfer bestätigt, die in der Nacht zwischen Samstag und Sonntag zwischen der libyschen Küste und Süditalien ums Leben kamen. Noch immer wird mit etwa 700 ertrunkenen Migranten aus Schwarzafrika gerechnet. Die zwischendurch mit Berufung auf einen Augenzeugen genannte Zahl von sogar 900 Opfern scheint sich nicht zu bestätigen.

          Gerettet, aber ein ungewisses Schicksal: Helfer bergen Kleinkinder, die an Bord des gekenterten Flüchtlingsschiffes waren

          Obwohl die Küstenwache und andere Rettungskräfte durch die Nacht hindurch nach weiteren Überlebenden suchten, bleibt es bei den schon am Sonntag bekannt gewordenen Zahlen: 28 Menschen konnten gerettet werden und 24 Leichen geborgen. Am Montag erreichte die „Bruno Gregoretti“ der italienischen Küstenwache, begleitet von einem Boot der kleinen maltesischen Schwesterorganisation, mit dieser Last den Hafen von Malta.

          „Unerträgliches Los“

          Derweilen versucht die italienische Regierung in Rom ihre europäischen Partner für eine gemeinsame Operation zu gewinnen, mit der das „unerträgliche Los der in ihrer Heimat bedrängten Migranten menschlich“ gelöst werden kann, wie ein Sprecher des Innenministeriums sagte. Schon am Sonntagnachmittag hatte Innenminister Angelino Alfano bei dem eigens einberufenen Ministertreffen die Idee vorgetragen, mit einem Mandat von Vereinten Nationen sowie EU und gemeinsam mit Spezialkräften verschiedener ungenannter Staaten eine „internationale Polizeioperation“ an der libyschen Küste und „auf den Stränden“ gegen die Schlepper zu unternehmen. Alfano sei es vor allem darum gegangen, die kriminelle Ausnutzung der Not zu beenden.

          Aber schon nach dem Ministertreffen hatte Regierungschef Matteo Renzi Bedenken geäußert. Es sei es viel zu gefährlich und darum schwer vorstellbar, direkt auf diesem undurchsichtigen Territorium zu agieren. Man brauche dazu einen Partner in Libyen, wie zum Beispiel eine funktionierende Regierung, und die gebe es eben nicht.

          Eine andere - wohl schon von den EU-Innenministern diskutierte - Idee kreist um die Eröffnung von Auffanglagern in stabilen afrikanischen Staaten. Ein Sprecher des Innenministeriums in Rom sagte, Alfano werde bei dem EU-Innenministertreffen das Projekt von drei Lagern in Niger, Sudan und Tunesien neuerlich auf die Tagesordnung bringen.

          Natürlich könnten solche Lager nur in direkter Zusammenarbeit mit den jeweiligen Regierungen operieren. Den Gastländern müsse dabei versichert werden können, dass ihr jeweiliges Land durch so eine Hilfsmaßnahme nicht destabilisiert wird. Die direkte Organisation dieser Lager sollte bei der UN-Flüchtlingskommission (Unhcr) liegen, die seit Jahrzehnten Erfahrungen mit solchen Projekten hat, heißt es im Innenministerium. In diesen Lagern sollten die Menschen nicht nur sicher aufgenommen werden; hier könnten sie auch Asylanträge für bestimmte europäische oder andere Staaten stellen.

          Bundesregierung schließt neue EU-Mission nicht aus

          Die Bundesregierung schließt angesichts der neuen Flüchtlingskatastrophen eine neue Seenotrettungsmission der EU im Mittelmeer nicht mehr aus. „Es ist allen in der Bundesregierung klar, dass gehandelt werden muss, um weitere massenhafte Tode im Mittelmeer zu verhindern“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Er verwies dabei auf laufende Beratungen der Außen- und der Innenminister der EU in Luxemburg.

          Wenn ein neuer Rettungseinsatz nach Art der früheren EU-Mission Mare Nostrum „ein weiterer Baustein in einem Maßnahmenpaket“ wäre, „dann würde sich die Bundesregierung dem möglicherweise nicht verschließen“, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Er fügte allerdings hinzu, auch eine solche Mission wäre „kein Allheilmittel“. Seibert sprach von einer notwendigen Kombination aus der Rettung von Menschenleben, dem Kampf gegen Schlepperbanden und der Schaffung von Perspektiven für die Menschen in den Herkunfts- und Transitländern.

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