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Wahlen in Österreich : Wehe, du sagst Grüß Gott

  • -Aktualisiert am

Die ÖVP stellt in der aktuellen Koalition mit der SPÖ den Vizekanzler. Bild: AP

In Österreich gibt es nur zwei politische Lager: Rot und Schwarz. Wer in keins der beiden hineinpasst, wird zum Alien. An der Begrüßung kann man oft schon die Parteizugehörigkeit erkennen.

          Beate ist eine helle Erscheinung: blond, weiße Haut, ihre Gesichtszüge sind fröhlich, voller Neugier. Aber manchmal legt sich ein Schatten über ihr Gesicht, eine Angst.

          Das erste Mal treffen wir uns Mitte Dezember. Ihr Austritt aus der Österreichischen Volkspartei ÖVP liegt erst wenige Monate zurück. Wir sitzen in einem Café, sie hat sich einen gespritzten Johannisbeersaft bestellt, auf dem Handy zeigt sie mir einen kurzen Film über die ersten wackeligen Schritte ihrer Tochter: Die Kleine lehnt an einem Sofa, sie überlegt nicht, zögert keine Sekunde, sie tapst einfach drauflos, hinein in die Weite des Wohnzimmers. Fünf Schritte lang gehört die Welt ihr, plötzlich strauchelt sie, fällt, weint. Beate spielt den Film mehrmals ab. Sie lacht jedes Mal. „Ich weiß, ich bin gemein, aber es ist so süß!“ Dann sagt sie: „Für die von der ÖVP bin ich jetzt eine Verräterin.“ Ihre Zunge ist noch leicht vom Lachen.

          Beate sagt, sie fühle sich frei. Es sind ihre ersten Schritte ohne Netz. Beate ist jung, Mitte dreißig. Das Netz ist alt, fast wie ein Naturphänomen, groß und unbesiegbar, rot und schwarz. Die Menschen sprechen über das Netz, als wäre es ein Gründungsmythos. Der Bürgerkrieg hat das Land auseinandergerissen, und das Netz hat es wieder zusammengefügt. So geht der Mythos.

          Die Roten sagen immer „Guten Tag“

          Der 12. Februar 1934 ist der Tag, an dem das begann, was die Österreicher Bürgerkrieg nennen. Auf der einen Seite standen die Arbeiter, Sozialdemokraten und Kommunisten. Auf der anderen der Klerus und die Bürgerlichen, die mit Engelbert Dollfuß den Bundeskanzler stellten. Rot gegen Schwarz. Dollfuß träumte von einem faschistischen Staat. Nach und nach verwandelte er die erste Republik in eine Diktatur; er zensierte die Presse, verbot Parteien und löste das Parlament auf. Das gegenseitige Misstrauen durchtränkte den Alltag wie eine leicht entflammbare Flüssigkeit.

          Es explodierte, als eine kleine Gruppe Sozialdemokraten sich mit ihren Waffen in einem Hotel verschanzte. Dollfuß reagierte mit Artillerie. Er ließ in Wien die großen Arbeitersiedlungen beschießen. Es gab Hunderte Tote, darunter viele Zivilisten. Tausende Sozialdemokraten wurden inhaftiert, einige hingerichtet. Der Bürgerkrieg dauerte drei Tage. Aber im Mythos ist der Bürgerkrieg nur der Anfang. Im Mythos, so wie er von Generation zu Generation weitererzählt wird, hat das Misstrauen die Köpfe und die Herzen nie verlassen.

          Am Abend nach unserem ersten Treffen mailt Beate: „In Österreich ist es immer wichtig, ob du guten Tag oder grüß Gott sagst. Die Roten von der SPÖ sagen guten Tag, die Schwarzen von der ÖVP grüß Gott. Du bist immer auf der Hut, an der richtigen Stelle den korrekten Gruß anzubringen.“ Als Beispiel fügt sie eine Episode aus dem Leben ihrer Mutter an, die in Wien eine eigene Arztpraxis eröffnen wollte.

          „Um einen Kassenvertrag zu bekommen, musste sie sich bei der Wiener Gebietskrankenkasse (rot) vorstellen. Mein Vater bleute ihr ein, ja brav Guten Tag zu sagen. Sie riss sich zusammen, und bei der Empfangsdame, bei den Leuten auf den Fluren, bei der Sekretärin klappte es auch gut. Aber gegenüber der Person, die für die Verträge zuständig war, rutschte ihr ein grüß Gott heraus. Meine Mutter erzählt es immer sehr lustig, weil es zum Glück keine Konsequenzen hatte. Sie hat ihre Praxis bekommen.“

          Einst waren die Blauen die Hoffnung

          Fremde in Österreich bekommen das Netz fast nie zu Gesicht. Nur in Form solcher kleinen Erzählungen aus dem Alltag. Manchmal haben sie vielleicht das Gefühl, etwas wickelt oder schlingt sich um ihre Beine - aber das lässt sich leicht abschütteln.

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