https://www.faz.net/-gpf-7zg3c

Viktor Orbán im Interview : „Wir wollen keine multikulturelle Gesellschaft“

Sicher. Im Leben ist alles Schlechte denkbar. Manchmal passiert es auch. Ebenso alles Gute. Aber Sie vermischen zwei Dinge, das ist gefährlich. Das eine: Ungarn ist mit seinen Transparenzregeln einzigartig, der Standard geht weit über den in Deutschland hinaus. Bei uns muss man Jahr für Jahr über jeden Quadratmeter Land und Wohnung, über jeden Forint öffentlich berichten. Ein nicht erklärter Quadratmeter Garage kann hier zum politischen Skandal führen. Bei einem solchen Kontrollsystem ist es nicht erstaunlich, dass wir zu den weniger korrupten Ländern gehören. Was die andere Frage betrifft: Fidesz ist eine plebejische Partei. Und die Instinkte sind auch so. Maßhalten, Bescheidenheit und Demut werden erwartet, und es verursacht immer Reaktionen, wenn Wohlstand nach außen in Erscheinung tritt.

Würden Sie eine stärkere Einwanderung von Menschen aus Nachbarländern, die mit ungarischer Muttersprache geboren sind, begrüßen? Schließlich hat Ihre Regierung ihnen ja einen ungarischen Pass ermöglicht.

Sie sind europäische Bürger, in Europa gibt es keine Einwanderung. In Europa gibt es die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Es gibt zwei Ausnahmen, wo Ungarn in größerer Zahl leben: Serbien und die Ukraine. Wir unterstützen voll die EU-Mitgliedschaft von Serbien. Der Frage der Ukraine ist jetzt sehr ernst. Aber wir haben stets die Annäherung der Ukraine an Europa unterstützt. Das ist auch das nationale Interesse. Im Übrigen stimmen die ungarische Regierung und alle Parteien überein, dass wir den Ungarn dabei helfen sollten, im Geburtsland zu verbleiben. Wir müssen es aber akzeptieren, wenn sie sich anders entscheiden.

Warum lehnen Sie Einwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen ab?

Wir machen einen Unterschied zwischen politischen Flüchtlingen und solchen, die aus wirtschaftlichen Gründen einwandern. Die europäische Regelung ist locker, unvernünftig und verleitet zu Zuwiderhandlungen. Wer die Heimat verlässt, um anderswo besser zu leben, nutzt diese Möglichkeiten. Ich mache Wirtschaftseinwandern keine Vorwürfe, sondern uns selbst, die wir das zulassen. Eine andere Frage ist die der Kultur. Es ist eine immense Aufgabe und eine riskante Sache, wenn Kulturen zusammenleben, besonders wenn es um Islam und Christentum geht. Wir teilen nicht den Standpunkt der europäischen Rechtsextremen. Die sind gegen den Islam. Wir überhaupt nicht. Wir sind gegen die Einwanderung. Es gibt Länder, die dieses Risiko eingegangen sind. Wir sind es nicht eingegangen und  wollen es auch künftig nicht. Wir respektieren, dass Frankreich oder Deutschland einen anderen Weg gegangen sind, aber wir haben ein Recht darauf, dass auch unserer respektiert wird. Wir wollen keine multikulturelle Gesellschaft.

Dann stellt sich die Frage, wie man die Einwanderung von Wirtschaftsflüchtlingen verhindern will. Man kann sie ja nicht im Mittelmeer ertrinken lassen.

Ja, das ist moralisch schwierig. Eine moralische Politik muss dazu beitragen, dass die Lebensbedingungen, aus denen die Flüchtlinge kommen, annehmbarer werden.  Und die Flüchtlinge müssen wissen, dass wir sie natürlich aus dem Meer retten werden. Aber danach schicken wir sie zurück, woher sie kamen. Es sei denn, sie sind politisch verfolgt. Das muss in einem festgelegten Verfahren festgestellt werden. Früher haben wir das gemacht, indem die Flüchtlinge an bestimmten Orten gesammelt wurden. Aber die Europäische Union hat uns das verboten: Wer sich für einen politischen Flüchtling erklärt, muss als solcher betrachtet und kann nicht als illegaler Grenzübertreter behandelt werden. Er kann sich frei bewegen, und das tut er. Aber ich denke, Österreicher oder Deutsche werden das früher oder später satt haben.

Die Fragen stellte Stephan Löwenstein

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.