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Versuchte Vergewaltigung : Autorin stellt Anzeige gegen Strauss-Kahn

  • Aktualisiert am

Die französiche Journalistin Tritane Banon und ihr Anwalt David Koubbi Bild: Reuters

Dem früheren IWF-Chef droht nun auch in Frankreich ein Strafverfahren wegen versuchter Vergewaltigung. Die Journalistin Tristane Banon wirft Dominique Strauss-Kahn vor, sie vor einem geplanten Interview sexuell bedrängt zu haben.

          Dem früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn droht nun auch in Frankreich ein Strafverfahren wegen versuchter Vergewaltigung. Die Journalistin Tristane Banon werde in Paris Anzeige gegen Strauss-Kahn erstatten, kündigte ihr Anwalt David Koubbi am Montag an. Banon wirft dem zurückgetretenen Chef des Internationalen Währungsfonds vor, sie 2002 auf dem Weg zu einem Interview sexuell bedrängt zu haben.

          Die Vorwürfe waren seit längerem bekannt. Die Entscheidung, Strauss-Kahn anzuzeigen, sei bereits Mitte Juni gefallen, also deutlich vor der überraschenden Wende des Falles in der vergangenen Woche, als die Vorwürfe gegen den Franzosen zu bröckeln begannen, sagte Banons Anwalt im Gespräch mit der französischen Zeitschrift „L'Express“. Seine Mandantin und er hätten sich „die nötige Zeit“ gelassen, um sich nicht von der amerikanischen Justiz „instrumentalisieren“ zu lassen. Die Anzeige werde der Pariser Staatsanwaltschaft am Mittwoch zugehen.

          Banon hatte heimischen Medien nach Strauss-Kahns Festnahme Mitte Mai in den Vereinigten Staaten berichtet, der frühere französische Finanzminister habe sie 2002 sexuell genötigt. Die 31 Jahre Frau hatte bereits im Februar 2007 in einer Fernsehsendung berichtet, Strauss-Kahn habe sie fünf Jahre zuvor zu vergewaltigen versucht - den Namen des sozialistischen Politikers überlegte der Sender allerdings mit einem Piepton, um ihn unkenntlich zu machen.

          Eine Rückkehr von Strauss-Kahn in die französische Politik ist vorerst unwahrscheinlich

          Die Autorin sagte damals, Strauss-Kahn sei wie ein „brünftiger Schimpanse“ über sie hergefallen, als sie ihn bei den Vorarbeiten zu ihrem ersten Buch getroffen habe. Der Politiker habe sie zu sich eingeladen, weil sie ein Interview mit ihm führen wollte; in der Wohnung habe er sie massiv bedrängt, ihren BH aufgemacht und versucht, ihr die Jeans auszuziehen. Das Wort Vergewaltigung, das sie - gegen ihn ringend - ausgestoßen habe, habe ihn „nicht sonderlich“ geschreckt, sagte Banon im Fernsehen. Sie habe Strauss-Kahn seinerzeit nicht angezeigt, weil sie nicht als eine Frau gelten wollte, „die ein Problem mit einem Politiker hat“.

          Strauss-Kahn wird in den Vereinigten Staaten die versuchte Vergewaltigung einer Hotelangestellten vorgeworfen. Weil der Staatsanwaltschaft jedoch erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin gekommen sind, könnte die Anklage in sich zusammenbrechen. Am Freitag hob ein Gericht in New York den Hausarrest gegen Strauss-Kahn auf. Seinen Reisepass erhält er aber vorerst nicht zurück.

          „Kandidatur das unwahrscheinlichste Szenario“

          Ohnehin rechneten die französischen Sozialisten nach der überraschenden Freilassung vorerst nicht mit seiner Rückkehr Strauss-Kahns in die französische Politik. Dass „DSK“, der vor seiner Festnahme als aussichtsreichster Anwärter auf das Amt des Staatschefs gegolten hatte, sich nun als Kandidat für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr aufstellen lasse, sei derzeit „das unwahrscheinlichste Szenario“, sagte der Parteisprecher der Sozialisten, Benoît Hamon, am Montag in Paris. Für jemanden, der Derartiges durchgemacht habe wie Strauss-Kahn, sei eine Kandidatur „nicht der erste Gedanke“.

          Strauss-Kahn brauche nun erst einmal Zeit „zum Durchatmen“, sagte der Parteisprecher zu Spekulationen über die Zukunft des französischen Politikers, der wegen des Vorwurfs eines massiven sexuellen Angriffs auf ein Zimmermädchen im Mai in New York festgenommen worden und deshalb als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückgetreten war.

          Auch Strauss-Kahns Parteifreund, der sozialistische Abgeordnete Jean-Christophe Cambadélis, sah keinen Hinweis darauf, dass der am Freitag aus seinem New Yorker Hausarrest freigelassene Strauss-Kahn nun unbedingt in den Wahlkampf ziehen wolle.

          Strauss-Kahn habe ihn nicht gebeten, mit den Sozialisten über eine Verlängerung der Bewerbungsfrist zu sprechen, die kommende Woche abläuft; dies sei nicht die „Botschaft“ des Gesprächs gewesen, das er zuletzt mit seinem Parteifreund geführt habe, sagte Cambadélis im Radiosender France Culture. Strauss-Kahn wolle, „dass er von der Ungerechtigkeit reingewaschen wird, die ihm widerfahren ist“.

          Führende Sozialisten rechnen nicht mit einer Präsenz Strauss-Kahns im sozialistischen Vorwahlkampf. Nach den Strapazen des Strafverfahren ziehe es „DSK“ nicht in eine eigene (Wahl-)Kampagne. Vielmehr werde Strauss-Kahn als Königsmacher auftreten, dessen Empfehlung die Vorwahlen entscheiden könne. (Siehe auch: Der Fall Strauss-Kahn: Als Märtyrer zum Königsmacher)

          Aubry bekräftigt ihre Kandidatur

          Der Vorwahlkalender der französischen Sozialisten wird vorerst nicht geändert. Das hat die sozialistische Parteivorsitzende Martine Aubry am Sonntagabend gesagt. Sie halte „selbstverständlich“ an ihrer Kandidatur bei den Vorwahlen fest. Es war zuvor spekuliert worden, Martine Aubry könne sich zugunsten Dominique Strauss-Kahns zurückziehen. „Da wir Debatten über das Unwahrscheinliche lieben, nehmen wir doch mal an, dass Dominique Strauss-Kahn als Kandidat zurückkommt. Dann wird niemand ihn aufgrund des Vorwahlkalenders zurückweisen“, sagte Frau Aubry im staatlichen Sender France 2.

          Doch habe sie nach Gesprächen mit dem Parteifreund und dessen Frau Anne Sinclair nicht den Eindruck, dass dies derzeit das Hauptanliegen sei. Harlem Désir, der übergangsweise die Parteigeschäfte führt, damit Frau Aubry als Kandidatin nicht in den Verdacht der Begünstigung gerät, bezeichnete die Debatte über eine Verlängerung der Bewerbungsfrist für die Vorwahlkandidaten als deplatziert.

          Bis zum 13. Juli müssten sich alle Bewerber einschreiben. Sollte „DSK“ nach Ablauf dieser Frist zurückkehren und antreten wollen, gebe es noch immer die Möglichkeit, für ihn eine Ausnahmeregelung zu finden, sagte Désir. Frau Aubry sagte, sie sei entschlossener denn je, als sozialistische Präsidentschaftskandidatin bei den Wahlen im nächsten Frühjahr anzutreten. „Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen“, sagte sie. Aber jetzt wolle sie auch den Wahlkampf für ihre Partei anführen.

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