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Syriza-Chef Alexis Tsipras : Der Populist meidet antieuropäische Töne

Syriza-Chef Alexis Tsipras trat im Wahlkampf 2015 deutlich gemäßigter auf als noch vor Jahren Bild: dpa

Alexis Tsipras bemüht sich, den übergroßen Erwartungen entgegenzuwirken, die er selbst geschürt hat. Der Syriza-Chef meidet Angriffe auf „Brüsseler Eurokraten“. Ihm reichen Berlin, Angela Merkel und Wolfgang Schäuble als Ersatzfeinde.

          Der Dresscode, an den Alexis Tsipras sich seit Jahren hält, hat eine Grundregel, die er nie bricht: Keine Krawatte! Selbst wenn er vom Staatspräsidenten empfangen wird, verzichtet Tsipras grundsätzlich darauf. In einem Land, in dem fast alle Parteiführer Krawatten tragen und in dem fast alle Politiker als unehrlich und korrupt gelten, soll das Fehlen dieses Kleidungsstücks signalisieren: „Ich bin zwar Politiker, aber nicht so einer wie die anderen.“ Für einen, der schon seit Jahren mitmischt im politischen Geschäft, ist es Tsipras bisher erstaunlich gut gelungen, bei vielen Griechen den Eindruck zu erwecken, er gehöre nicht zu dem Berufsstand, zu dem er gehört.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Tsipras begann seine Karriere in der Kommunistischen Partei Griechenlands, die mit einem eisernen Willen zur Vorgestrigkeit am Spätstalinismus festhält, der sie auch als Studienobjekt für Paläontologen interessant macht. Tsipras verließ die Kommunisten jedoch schon als junger Mann und schloss sich den Vorgängerformationen des „Bündnisses der radikalen Linken“ an, das im Zuge der Krise unter seinen Führung nun zur stärksten Kraft des schwächsten Mitglieds der Eurozone geworden ist.

          Im Umgang mit westlichen Medien ist Tsipras noch etwas unerfahren; Interviews hält er gern kurz, mitunter sehr kurz. Umso geübter ist er als Redner vor großem Publikum. Dabei kommt ihm entgegen, dass viele Griechen ihn genauso gern reden hören wie er sich selbst. Auffällig ist dabei, dass Tsipras - anders als viele andere europäische Populisten - antieuropäische Töne meidet. Keinesfalls wolle er Griechenland aus der EU und der Eurozone führen, versichert er. Angriffe auf „Brüsseler Eurokraten“ wird man in seinen Reden vergeblich suchen. Denn Tsipras reichen Berlin, Angela Merkel und Wolfgang Schäuble als Ersatzfeinde.

          „Nicht Dinge versprechen, die wir nicht halten können“

          Alexis Tsipras wurde 1974 in Athen geboren. Er studierte Ingenieurwissenschaften in Athen und absolvierte ein Zusatzstudium als Stadtplaner, um für kurze Zeit in der Bauwirtschaft zu arbeiten. Doch dann zog es ihn in die Politik, nachdem er sich als Kandidat bei den Athener Bürgermeisterwahlen achtbar geschlagen hatte. Zu einem in ganz Griechenland bekannten und populären Politiker wurde er jedoch erst nach 2011, als er die Griechenland auferlegte Sparpolitik so radikal ablehnte wie kaum ein anderer Parteiführer.

          Im Wahlkampf 2015 trat er jedoch deutlich gemäßigter auf als noch 2012. Anders als früher verkniff er sich Angriffe gegen die orthodoxe Kirche, um konservative, aber mit der Regierung unzufriedene Wähler nicht zu verschrecken. Zudem versucht Tsipras seit einigen Monaten, vorsichtig den übergroßen Erwartungen entgegenzuwirken, die er selbst geschürt hat. Als er bei einer Fragestunde auf Twitter gefragt wurde, ob er als Ministerpräsident die Mehrwertsteuer abschaffen werde, antwortete Tsipras verneinend: Er werde „nicht Dinge versprechen, die wir nicht halten können“. Sollte Tsipras jetzt Regierungschef Griechenlands werden, wird er sehr viele Dinge nicht halten können, die er versprochen hat.

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