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Staatsbegräbnis für Opfer von Lampedusa : Barroso: Europa lässt Italien nicht allein

  • -Aktualisiert am

Besuch unter Protest: Barroso am Mittwoch auf Lampedusa Bild: AFP

Unter Protesten der Bevölkerung ist EU-Kommissionspräsident Barroso auf Lampedusa empfangen worden. Barroso sicherte Italien weitere 30 Millionen Euro für die Flüchtlingsarbeit zu. Für die Opfer des Bootsunglücks soll es ein Staatsbegräbnis geben.

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          Italien will die Opfer der Flüchtlingskatastrophe von Lampedusa mit einem Staatsbegräbnis ehren. Das kündigte Regierungschef Enrico Letta am Mittwoch beim Besuch mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström und Italiens Innenminister Angelino Alfano auf der süditalienischen Mittelmeerinsel an.

          Nach einem nur fünf Minuten dauernden Besuch im übervölkerten Notaufnahmelager und einem längeren an den Särgen der mittlerweile über 300 Opfer der Havarie vom vergangenen Donnerstag kündigte Barroso die Aufstockung der Gelder für Italiens Flüchtlingsarbeit um 30 Millionen Euro noch für 2013 an. Er sagte, dass Europa den „italienischen Partner“ nicht allein lassen werde: „Der Notstand von Lampedusa ist ein europäischer; Europa kann sich nicht abwenden.“

          Einige aufgebrachte Einwohner hatten die Politiker mit Rufen wie „Schande“ und „Mörder“ empfangen, um sich über die mangelnde Hilfe aus Rom und Europa zu beklagen. Darauf gingen Letta und Barroso bei ihrer abschließenden Pressekonferenz ein. Barroso sprach von dem Mitgefühl für die Opferfamilien und pries den Einsatz der Menschen auf Lampedusa; nun aber müssten auch europäische Taten folgen: „Europa kann nicht akzeptieren, dass viele tausend Menschen an seinen Grenzen umkommen“.

          Mehr als 300 Opfer geborgen

          Die Bilder von verzweifelten Augen im Lager und den Särgen im Hangar von Lampedusa werde er sein Lebtag nicht vergessen, sagte Barroso. Er habe aber auch Augen der Hoffnung gesehen, und die dürften nicht enttäuscht werden. In der Zwischenzeit stieg die Zahl der Ertrunkenen auf mehr als 300 an. Unter anderem wurde der Leichnam einer Mutter geborgen, die gerade ein Kind geboren hatte. Nur 155 Menschen auf dem mit offenbar 518 Asylsuchenden besetzten Kutter hatten nach dem Ausbruch eines Brandes und dem Kentern des Schiffes überlebt.

          Flughafen von Lampedusa: Särge mit den Opfern der Flüchtlingskatastrophe

          Sie werden in einem Lager untergebracht, das nur 250 Betten hat, aber weit mehr als tausend Bewohner zählte, bevor am Mittwoch einige hundert aufs italienische Festland gebracht wurden. Barroso kündigte an, der nächste EU-Gipfel Ende Oktober werde sich ausführlich mit der Flüchtlingsfrage befassen. Die EU könne „deutlich mehr tun als bisher“, um das Los der Asylsuchenden zu verbessern. Vieles „kann auf nationaler Ebene geschehen, vieles aber muss europäisch gelöst werden“.

          Dazu gehöre eine bessere Ausrüstung der EU-Agentur Frontex von Zypern bis Spanien für die operative Zusammenarbeit an den EU-Außengrenzen, sagte Barroso. Die EU wolle zudem versuchen, mit nordafrikanischen Staaten wie Tunesien und anderen Transitländern der Flüchtlinge Vereinbarungen zu treffen, auch um Schleppern das Handwerk zu legen. Schon jetzt sei die EU der größte Geldgeber bei den Flüchtlingslagern für Syrer in Jordanien, um den Zustrom von Syrern nach Europa abzumildern. In jedem Fall aber müsse sich Europa auf eine weitaus größere Zahl von Asylantragstellern einrichten als bisher. Barroso sagte: „So eine Katastrophe“ wie die von Lampedusa dürfe es „nicht wieder geben.“

          „Ein europäisches Thema“

          Letta entschuldigte sich dafür, dass sein Land nur ungenügend auf eine derartige Katastrophe vorbereitet gewesen sei. Er kündigte eine Sondersitzung des Kabinetts an, bei der weitere Hilfsgelder für Lampedusa mobilisiert werden sollten; dabei werde ein Schwerpunkt die Unterstützung der Minderjährigen unter den Flüchtlingen sein, von denen die meisten ohne Eltern und Angehörige sind. Letta sagte, „die Flüchtlingswelle ist ein europäisches Thema, und Italien muss seinen Teil dazu beitragen“.

          Zusammen mit der griechischen Regierung habe er beschlossen, dass unter der EU-Präsidentschaft von Athen und Rom „2014 das Jahr der europäischen Einwandererpolitik“ werden solle. In allen europäischen Ländern müsse die Bevölkerung damit vertraut gemacht werden, dass es nun nicht mehr um einige hundert Wirtschaftsmigranten gehe sondern um viele tausend Menschen, die fliehen müssen und Asyl benötigten.

          Innenminister Angelino Alfano, der als Politiker des Volks der Freiheit (PdL) von Silvio Berlusconi bisher meist Europa kritisiert hatte, sagte nun, jetzt auf Lampedusa und gestern beim Treffen der EU-Innenminister in Luxemburg habe er „Europa noch nie so nah gesehen, so dicht beieinander“. Auch die Staaten des Nordens hätten nun begriffen, dass „Lampedusa ein Hafen im Herzen Europas ist“.

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