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SPD-Spitzenkandidat Schulz : Hoffnungsträger für Europa

Der sozialdemokratische Hoffnungsträger für Europa: Martin Schulz wurde von der Delegierten mit 97,3 Prozent der Stimmen zum Spitzenkandidaten für die Europawahl am 25. Mai bestimmt Bild: Lüdecke, Matthias

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz ist zum SPD-Spitzenkandidaten für die Europawahl gewählt worden. Die Genossen erhoffen sich viel von ihm - vor allem den wichtigsten Brüsseler Spitzenposten.

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          Von den vielen Etappen, die Martin Schulz auf dem Weg ins Amt des EU-Kommissionspräsidenten nehmen muss, war das eine kleinere: Er ist seit Sonntag offizieller Spitzenkandidat der SPD für die Europawahl. Mit 97,3 Prozent der Stimmen wurde er auf der Europadelegiertenkonferenz in Berlin auf Platz eins der Kandidatenliste gewählt. „Das ist ein Vertrauensbeweis, der mich berührt und für den ich dankbar bin“, sagte Schulz nach seiner Wahl. Trotzdem sollte seine Wahl niemanden überraschen.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Der 58 Jahre alte frühere Buchhändler aus Würselen bei Aachen hat sich in den vergangenen Jahren zum unangefochtenen Europapolitiker seiner Partei, wenn nicht sogar Deutschlands gemacht. Welche Zeitung man aufschlägt, welchem Sender man folgt – fast täglich begegnet einem Schulz. Das breite Publikum hat vielleicht schon vergessen, dass es auch noch einen deutschen EU-Kommissar gibt (er heißt Oettinger und ist von der CDU).

          Ein Vertrauter Sigmar Gabriels

          Das ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Schulz ist der erste deutsche Europapolitiker, der es in der Heimat zu einem Bekanntheitsgrad gebracht hat, der über das Berliner Regierungsviertel hinausreicht. Wer von Volkswagen eingeladen wird, vor tausenden Arbeitern zu sprechen, der hat politisches Gewicht.

          Schulz ist Mitglied im Parteivorstand und ein Vertrauter von Parteichef Sigmar Gabriel. All das hat er über einen Weg erreicht, der früher den Altvorderen das Abtreten erleichtern sollte. Nach vielen Jahren als Bürgermeister seiner Heimatstadt wurde Schulz 1994 ins Europaparlament gewählt, wo er sich Schritt für Schritt bis zum Parlamentspräsidenten hocharbeitete.

          Kritik vom Griechen Tsipras

          Schulz soll nun nicht nur dafür sorgen, dass die SPD bei der Europawahl am 25. Mai gut abschneidet, sondern er soll auch der europäischen Sozialdemokratie wieder zum wichtigsten Brüsseler Spitzenposten verhelfen. Er wird am 1. März in Rom zum Spitzenkandidaten der seiner Parteienfamilie für das Amt des nächsten Kommissionspräsidenten nominiert werden.

          Dass dieser gesamteuropäische Wahlkampf schon eröffnet ist, lässt sich daran erkennen, dass der Listenführer der europäischen Linksparteien, der Grieche Alexis Tsipras, nun Interviews gibt, in denen er Schulz lauthals kritisiert, weil dieser Bundeskanzlerin Angela Merkel in Schutz genommen hat.

          Seit 20 Jahren sitzt Martin Schulz im Europaparlament, Schritt für Schritt arbeitete er sich bis zum Parlamentspräsidenten hoch - nun soll die Krönung seiner Karriere folgen

          Ob die Wähler in den 28 Mitgliedstaaten tatsächlich die gesamteuropäischen Kandidaten im Auge haben werden oder doch nach nationalen Kriterien entscheiden, ist noch unklar. Die Europawahl 2014 ist ein Experiment, denn zum ersten Mal werden alle Parteienfamilien Spitzenkandidaten aufstellen. Fest steht aber, dass das Europaparlament diesmal eine entscheidende Rolle bei der Auswahl des nächsten Kommissionspräsidenten spielt, was Schulz geschickt genutzt hat, um sich zu einem der aussichtsreichsten Bewerber zu machen.

          Den Wahlkampf wird er als glänzender Redner bestreiten, dank seiner Sprachkenntnisse auch auf Englisch und Französisch. Stellen die Christlichen Demokraten den früheren luxemburgischen Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker auf, wie viele erwarten, dann würden zwei Männer gegeneinander antreten, die nicht auf den Mund gefallen sind.

          Wer am Ende Kommissionspräsident wird, dürfte sich indes erst nach längeren Verhandlungen herausstellen, denn da haben auch die Staats- und Regierungschefs ein gewichtiges Wort mitzureden.

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