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Schweden nach dem Terroranschlag : „Wir haben es immer gesagt“

Im Aufwind: Jimmie Åkesson, Parteichef der Schwedendemokraten (hier am Wahlabend im September) Bild: dpa

Nach dem misslungenen Terroranschlag in Stockholm trumpfen die Rechtspopulisten in Schweden auf und fordern eine „offene Debatte“; die Gefahr müsse endlich ernst genommen werden. Islamistischen Fundamentalisten sei in Schweden ein „roter Teppich“ ausgerollt worden.

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          Am Tag nach dem Terroranschlag von Stockholm legte Fredrik Reinfeldt auf eine Feststellung besonderen Wert. „Es ist wichtig“, sagte der Ministerpräsident, „dass wir unsere offene Gesellschaft verteidigen und keine voreiligen Schlüsse ziehen.“ Anderenfalls drohten unerwünschte Spannungen in der schwedischen Gesellschaft. Doch die rechtspopulistischen Schwedendemokraten, seit der Wahl vom September im Reichstag vertreten, wollten nicht warten. Sie verlangten „eine aktuelle Debatte im Parlament über gewaltbereiten islamischen Extremismus“ – und zwar „aufgrund des großen öffentlichen Interesses so schnell wie möglich“.

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Parteichef Jimmie Åkesson forderte im „Svenska Dagbladet“ eine offene Debatte; die Gefahr müsse endlich ernst genommen werden. Doch die Bereitschaft der anderen Parteien, die Diskussion tatsächlich offen und mit den Schwedendemokraten zu führen, dürfte spätestens dann versiegt sein, als deren Parteisekretär Björn Söder der gesamten politischen Konkurrenz vorwarf, sie hätten den islamischen Fundamentalisten in Schweden „den roten Teppich“ ausgerollt. Johan Linander von der mitregierenden Zentrumspartei gab sich empört. Soweit er verstehe, seien die Schwedendemokraten ohnehin gegen alle eingewanderten Muslime. „Sie geben einer ganz Gruppe die Schuld für die Tat eines Einzelnen, das ist sehr gefährlich.“

          Ein junger Mann mit dunklem Haar und Bubengesicht

          Die Rechtspopulisten hatten den berühmtesten Werbespot des Wahlkampfs vom Spätsommer produziert. Er zeigte eine Rentnerin und eine Burkaträgerin mit Kindern, die sich einen Wettlauf um Geld vom Staat lieferten. Fast sechs Prozent der Wähler gaben der Partei ihre Stimme. Danach wurde es rasch wieder still um die Schwedendemokraten, die keiner der großen Blöcke als Mehrheitsbeschaffer haben wollte. Als am Wochenende aber die Bomben in Stockholm explodiert waren und Reinfeldt zur Verteidigung der offenen Gesellschaft aufrief, verbreitete William Petzäll, einer ihrer Reichstagsabgeordneten, seine Schlussfolgerung: „Ich hasse es zu sagen, aber ist es nicht genau das, was wir gesagt haben?“

          Schweden : Ermittler auf den Spuren des Selbstmordattentäters

          Es war der erste islamistische Anschlag in Schweden gewesen. Taimur Abdulwahab, der Attentäter, war ein Einwanderer, seine Biographie typisch für viele Schweden mit „ausländischem Hintergrund“, wie es im Königreich heißt. Geboren wurde er im Irak, bevor seine Eltern mit ihm vor dem Krieg flüchteten und in Schweden Asyl fanden. Das war 1992, Abdulwahab war zehn Jahre alt. Er ging zur Schule in einer Kleinstadt. Schnell lernte er Schwedisch, hatte Freunde, machte sein Abitur.

          Bilder von damals zeigen einen jungen Mann mit dunklem Haar und Bubengesicht, die schwedische Abiturmütze auf dem Kopf. 2001 zog er nach England. Vermutlich vollzog sich dort seine Radikalisierung – doch in den Tod sprengte er sich nicht in London, sondern im Land seiner Jugend, das ihm seinen Pass ausgestellt hatte und in dem seine Eltern noch heute leben. Nach seiner Abschiedsbotschaft wollte er Schweden töten, weil ihre Soldaten in Afghanistan kämpfen und sie „das Schwein Vilks“ dulden. Der Karikaturist Lars Vilks hatte den Propheten Mohammed mit Hundekörper gezeichnet.

          Wie Abdulwahab kamen Anfang der neunziger Jahre Tausende Kriegsflüchtlinge aus dem Irak, aber auch aus Somalia und anderen Ländern nach Schweden. Anders als die Finnen, Griechen oder Südamerikaner der früheren Einwanderungswellen fanden die meisten von ihnen nie eine Arbeit. In Städten wie Malmö oder Stockholm entstanden schnell ganze Viertel, in denen fast ausschließlich Einwanderer wohnen. In Rosengård in Malmös Osten wie in Rinkeby im Stockholmer Norden sind die Beschäftigungsquoten so niedrig wie die Leistungen der Schüler unterdurchschnittlich. Es kommt oft zu Gewalt. Immer mehr Schweden macht das Angst – wie auch das Wahlergebnis der Schwedendemokraten zeigte.

          Der Mann, der Lars Vilks mit dem Tode droht, spricht schwedisch

          Als die Rechtspopulisten nun eine Debatte im Reichstag forderten, verwiesen sie dabei auf einen Bericht des Inlandsgeheimdienstes Säpo, der am Mittwoch der Regierung übergeben wurde. 200 gewaltbereite schwedische Islamisten zählt der Geheimdienst nach Informationen des „Aftonbladet“ darin auf. Ein großer Teil soll angeblich aus den Vororten Stockholms, Malmös oder Göteborgs kommen. Vergangene Woche wurden nach einem Bericht des „Svenska Dagbladet“ wiederum zwei schwedische Staatsbürger in Somalia verurteilt, weil sie Terroranschläge vorbereitet haben sollen.

          Die Säpo hatte zuvor bereits bestätigt, dass sie Kenntnis von Schweden habe, die sich im Ausland für den Dschihad ausbilden ließen oder im Kampf getötet wurden. Im Internet kursiert ein Video, in dem ein schwarzer Mann, der sich Abu Zaid nennt, Lars Vilks mit dem Tode droht. Der Mann steht in einem leeren Stadion in Mogadischu, im Hintergrund sind Schüsse zu hören. Er spricht schwedisch. 24 Stunden nach den Anschlägen von Stockholm demonstrierten am Sonntagabend in Stockholm Menschen gegen islamistische Gewalt. Es waren Muslime.

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