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Schuldenkrise : Zyprischer Zorn

Die griechischen Zyprer haben alles dafür getan, ihren Finanzplatz zugrunde zu richten. Es ist deshalb gleichgültig, was sie noch alles beschließen.

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          Die Griechen haben die Demokratie erfunden, aber nicht alle hielten sie für den größten Coup der Menschheit. Einer zum Beispiel nannte sie eine Staatsform, in der nicht die Gesetze herrschen, sondern Volksverführer. Der Mann hieß Aristoteles und lebte vor zweieinhalbtausend Jahren, hätte diese Woche aber viel Anschauungsmaterial für seine These finden können - nämlich bei den griechischen Nachfahren auf Zypern.

          Die führten dem Rest Europas vor, dass ihnen Gesetze und eine gewisse Berechenbarkeit, die es im Geschäft zwischen Staaten braucht, herzlich gleichgültig sind. Nur zur Erinnerung: Nicht ein Abgeordneter der Regierungsparteien stimmte im Parlament für die Zusagen, die der Finanzminister seinen Kollegen aus der Eurogruppe gegeben hatte. Angeblich aus Solidarität mit „Kleinsparern“. Dieselben Abgeordneten hatten aber keine Hemmungen, nur 24 Stunden später staatliche Renten aufs Spiel zu setzen.

          Chaoswoche

          Was also bleibt von dieser Chaoswoche in Nikosia? Die griechischen Zyprer haben alles, aber auch wirklich alles dafür getan, ihren Finanzplatz zugrunde zu richten. Es ist deshalb gleichgültig, was sie noch alles beschließen. Jeder Anleger, der halbwegs bei Trost ist, wird Reißaus nehmen - und daran werden ihn Kapitalverkehrskontrollen nur kurzfristig hindern können. Russen, Ukrainer und wer sonst alles sein Geld auf die Insel brachte: Sie suchten neben hohen Zinsen und lascher Aufsicht rechtsstaatliche Sicherheit, die es in ihren Ländern nicht gibt. Was für eine Illusion.

          Dass den Zyprern langsam bewusst wird, was sie angerichtet haben, kann man an den jüngsten Wendungen sehen. Anfang der Woche wollten sie die ausländischen „Großsparer“ nicht vergrämen. Nun geht es nur noch ums Abkassieren. Bei der Laiki Bank werden alle Einlagen jenseits von 100.000 Euro eingefroren. Davon dürften die Kunden nach der Umstrukturierung nur einen Bruchteil wiedersehen, in vielen Jahren. Bei der Bank of Cyprus war eine Zwangsabgabe von 25 Prozent im Gespräch - die Eurogruppe hatte nur 10 Prozent verlangt. So ist das, wenn nicht das Gesetz regiert - altmodisch: die Vernunft -, sondern der Volkszorn.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

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