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Schmidt trifft Giscard : Manches dauert noch

Wiedersehen in Paris: Helmut Schmidt (links) und Valéry Giscard d’Estaing (rechts im Bild) Bild: Deutsche Botschaft Paris

Helmut Schmidt besucht Valéry Giscard d’Estaing - ein letztes Mal. Sie sprachen über die Krise und den Euro und sparten nicht an Kritik.

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          Am Anfang dieser Freundschaft muss man sich einen großzügigen Salon auf der vornehmen Pariser Avenue Foch vorstellen. Dort treffen sich junge europäisch gesinnte Führungskader, und dort trifft der junge Valéry Giscard d’Estaing auf den jungen Helmut Schmidt, „der hinter einer Wolke aus Tabakqualm verborgen ist“. So erzählt es zumindest der 87 Jahre alte frühere französische Präsident am Mittwochabend in einem nicht minder prachtvollen Salon im Palais Beauharnais, der Residenz der deutschen Botschafter in Paris. Es war der Beginn einer Freundschaft, die alles überdauert hat: die Regierungszeit, den Machtverlust und das Alter. Jetzt sitzen vor dem Publikum zwei gestandene Staatsmänner, die den Blick nicht melancholisch auf die Welt von gestern richten, sondern auf die von morgen. Wie wird Europa 2030 aussehen? Das ist die Frage, die sich die beiden stellen, zum „letzten Besuch“ Schmidts in Paris. Der Altkanzler will sich künftig keine Reisen mehr an die Seine zumuten.

          Es durfte geraucht werden: Frankreichs damaliger Präsident Valery Giscard d’Estaing (links) und Kanzler Helmut Schmidt 1977 im Elysee Palast.

          Schmidt: Euro ist nicht in der Krise

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Kommentare zur Euro-Krise hält Schmidt für „Unfug“. Der Euro sei nicht in der Krise, sondern die europäischen Institutionen. „Die einzige Institution, die funktioniert, ist die Europäische Zentralbank“, sagt Schmidt nicht zum ersten Mal, und Giscard nickt zustimmend. Fast spitzbübisch spielen sie einander die Ideen zu. Giscard kritisiert die EU-Kommission, die einfach zu aufgebläht sei, um erfolgreich gestalten zu können. Der frühere Präsident erinnert daran, dass es beschlossene Sache gewesen sei, die Zahl der Kommissare zu verringern. Doch hätten sich die Mitgliedsländer fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit darauf verständigt, diese Vereinbarung auszuhebeln, nur damit kein Mitgliedsland auf einen Kommissar verzichten müsse. Giscard sieht darin ein Symptom der generellen Reformunfähigkeit der europäischen Institutionen. Auch das Europäische Parlament spielt nach Giscards und Schmidts Ermessen nicht die Rolle, die sie ihm zugedacht hatten, als sie das direkte Wahlrecht einführten. Giscard schlägt eine neue Abgeordnetenversammlung vor, die sich aus Vertretern der nationalen Parlamente und Europaabgeordneten zusammensetzt.

          Helmut Schmidt (links) im Gespräch mit Valéry Giscard d’Estaing (rechts)

          Eine europäische Weltmacht, die sich auf der außenpolitischen Bühne behauptet, können sich weder Schmidt noch Giscard vorstellen. Letzterer warnt seine Landsleute vor neokolonialistischen Neigungen. Schmidt sagt, Deutschland wisse schon lange, dass es keine Weltmacht mehr sei, Frankreich müsse das auch begreifen. In der neuen „Schutzverantwortung“ der Vereinten Nationen für bedrohte Völker wittert Schmidt „Gefahren“ eines neuen Imperialismus. Als Ideal für 2030 schwebt Giscard vielmehr ein demokratisch regierter Euroraum vor, in dem alle Menschen dieselbe Währung benutzen, die gleichen Steuern bezahlen, dieselben Haushaltsregeln einhalten und die gleichen Renten und Sozialleistungen erhalten. „Es kann vielleicht ein bisschen länger dauern, bis wir so weit sind“, sagt Schmidt und zieht an seiner Zigarette.

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