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Prozess gegen Anders Breivik : Das Grauen im Gerichtssaal

Rechtsbeistand: „Ich habe in diesem Fall meine Seele verschenkt“, sagte Geir Lippestad (Mitte), Kopf von Breiviks Verteidigerteam, über sein Mandat Bild: REUTERS

Der Prozess gegen den Massenmörder Anders Behring Breivik wühlt nicht nur die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer auf. Seine Anwälte suchen keine mildernden Umstände. Wie könnte das auch gehen?

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          In dieser an Grauen so reichen ersten Woche des Prozesses gegen Anders Behring Breivik konnte wohl keine zynische Bemerkung des Angeklagten, kein morgendlicher Gruß mit der Faust, keine ideologische Verbrämung der Morde von Oslo und Utøya an die Beklemmung der Minuten heranreichen, in denen die Staatsanwaltschaft den Notruf der Renate Tårnes abspielen ließ. Am 22. Juli vorigen Jahres um 17.26 Uhr ging bei der Polizei der Anruf der 22 Jahre alten Frau ein. Auf Utøya fielen Schüsse, sagt sie mit angsterfüllter Stimme. Sie habe sich in einer Toilettenkabine eingeschlossen. Die ganze Zeit werde geschossen, „hier herrscht totale Panik“. Und dann: „Er kommt!“ Man hört Schüsse, Dutzende Schüsse.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Da hatte Renate Tårnes, ein Mitglied der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die hier ihr Sommerlager abhielt, schon mit angesehen, wie Breivik ihren 30 Jahre alten Freund Snorre Haller getötet hatte: Direkt vor dem Eingang des Cafés auf der Insel schoss er ihm dreimal in den Kopf und zweimal in den Rücken. Renate Tårnes floh in das Café, ein niedriges Gebäude aus Holz. Sie überlebte in ihrem Versteck. Allein in dem Café erschoss Breivik 13 Menschen, das jüngste Opfer war fünfzehn, und verwundete sieben weitere schwer.

          Keine Alternative zu normalem, rechtsstaatlichem Verfahren

          Seit einem Dreivierteljahr haben die Taten Breiviks - der Bombenanschlag auf das Regierungsgebäude in Oslo und das Massaker auf Utøya mit ihren insgesamt 77 Toten und Hunderten Verletzten - die norwegische Öffentlichkeit in Beschlag genommen. Mit dem Beginn des Prozesses gegen den Dreiunddreißigjährigen erreichte die Aufmerksamkeit einen neuen Gipfel. Vielen ist das zu viel, etliche Hinterbliebene haben Norwegen verlassen, um nicht die ganze Zeit Bilder des Mörders sehen zu müssen. Ob sie ihnen anderswo entkommen, ist indes zweifelhaft, denn Journalisten aus aller Welt berichten aus Oslo in ihre Heimatländer.

          Auch viele Norweger in den Straßen der frühlingshaften Hauptstadt möchten nichts mehr von Breivik hören, nach einer Umfrage sind es fast siebzig Prozent. Manche klagen darüber, dass dem Mörder ein so teurer Prozess gemacht wird, laut Gerichtsangaben kostet er knapp 13 Millionen Euro. Aber die meisten finden, dass es keine Alternative gebe zu einem normalen, rechtsstaatlichen Verfahren, zu der Anklage wegen Terrors und Mordes. Auch, damit Breivik „nicht unsere Vorstellungen davon verändert, was richtig ist“, wie der 30 Jahre alte Bjørn Ihler sagt, der das Massaker auf Utøya überlebte.

          Vor Prozessbeginn ließ sich das Verteidigerteam ablichten, als wäre es einer amerikanischen Anwaltfernsehserie entsprungen

          Doch ganz normal kann das Verfahren um die schlimmsten Verbrechen in Norwegen seit Menschengedenken nicht sein. Das zeigt schon ein Blick auf das Verständnis, das Breiviks vier Verteidiger von ihrer Rolle haben. Das Team um den glatzköpfigen, schmallippigen Mittvierziger Geir Lippestad versucht gar nicht erst, irgendwelche mildernden Umstände zu finden - wie sollte das auch gehen? Es beschränkt sich vielmehr darauf, die Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe anzustreben; als geisteskrank, als schuldunfähig in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen zu werden, lehnt der selbsternannte „Kreuzritter“ gegen Muslime und „Marxisten“ ab. Auch wirkten Lippestads Leute auf ihren Mandanten ein, um ihn davon abzubringen, allmorgendlich seinen rechten Arm mit der geballten Faust in Richtung Saaldecke zu stoßen, was die Überlebenden und Hinterbliebenen zusätzlich schmerzte. Seit Donnerstag zeigt Breivik diesen Gruß seiner angeblichen „Tempelritter“ nicht mehr. Und immer wieder bereitete die Verteidigung die Öffentlichkeit auf Aussagen des Angeklagten vor, die besonders hart würden. Für sich persönlich will Anwalt Lippestad Verständnis dafür gewinnen, dass er - auf Wunsch Breiviks - das Mandat annahm. Deswegen streute er Sätze wie diese: „Ich habe in diesem Fall meine Seele verschenkt. Ich hoffe, dass ich sie heil wiederbekomme, aber ich bin nicht sicher.“

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