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Proteste in Frankreich : Rot wie die Wut

Einst gegen Ludwig XIV., heute gegen Hollande: Demonstranten am Samstag in Quimper Bild: AP

Zu Tausenden begehren die Bretonen gegen die Regierung in Paris auf. Diese verspricht einen „Zukunftspakt“, lädt zum Gespräch. Aber Worte allein werden die schwere Krise der Region nicht lösen.

          So viele rote Mützen waren auf dem Place de la Résistance in Quimper selten zu sehen. Mehrere tausend Demonstranten setzten sich am Samstag die vom bretonischen Unternehmen Armor-Lux hergestellte Strickware auf den Kopf – als Zeichen ihrer Revolte gegen die Regierung in Paris und gegen den wirtschaftlichen Niedergang ihrer Region, in der ein Sozialplan den anderen jagt. Die – nicht mit den Jakobinermützen zu verwechselnden – „bonnets rouges“ sollen an den Aufstand der Bretonen gegen die französische Zentralmacht erinnern, die damals noch vom Hof in Versailles ausging.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Ein gutes Jahrhundert vor der Französischen Revolution, im Jahr 1675, hatten sich die Bretonen gegen die Steuerpläne des Königs Ludwig XIV. zusammengeschlossen und gegen die von Finanzminister Colbert ausgeheckten Steuermarken aufbegehrt. Die Revolte der „roten Mützen“ endete damals in einem Blutbad und nachhaltiger Repression. Am Wochenende hat die Regierung keine Truppen ausgesendet, sondern besänftigende Worte. Premierminister Jean-Marc Ayrault versprach der Bretagne „einen Zukunftspakt“. An diesem Montag will er Bürgermeister und andere Lokalpolitiker aus der Region in seinem Amtssitz in Paris empfangen.

          „Leben, Entscheiden, Arbeiten in der Bretagne“

          Die Regierung ist beunruhigt, dass die Demonstrationen weitergehen, obwohl sie Anfang vergangener Woche die umstrittene Lastwagenmaut „ausgesetzt“ hatte. Der Demonstrationszug in Quimper zeigt, dass die Bretonen sich nicht nur einer weiteren Steuer, sondern der gesamten politischen Richtung widersetzen. „Es wäre ein Fehler, unsere Bewegung nur als Wutausbruch gegen die Ökosteuer zu verstehen“, sagte Christian Troadec, der Bürgermeister von Carhaix und einer der Organisatoren der Proteste in Quimper. „Wir fürchten um die Zukunft der Bretagne“, sagte Troadec. Die Demonstranten schwenkten Hunderte von schwarz-weißen bretonischen Flaggen, um hervorzuheben, dass sie gegen die Politik in Paris rebellieren. „Wir wollen ein starkes Signal in die Hauptstadt senden. Wir wollen nicht länger, dass irgendwelche hohen Beamten im Finanzministerium über uns entscheiden, ohne jemals einen Fuß in die Bretagne gesetzt zu haben“, sagte Bürgermeister Troadec.

          Der Bewegung „Leben, Entscheiden, Arbeiten in der Bretagne“ haben sich ganz unterschiedliche Leute angeschlossen: Gewerkschafter des Landwirtschaftsverbandes FNSEA, Trotzkisten der Neuen Antikapitalistischen Partei, Vertreter des Unternehmerverbandes Medef und Mitglieder der nach Autonomie strebenden „Bretonischen Partei“. Zwischen 15.000 und 30.000 Bretonen folgten dem Demonstrationsaufruf. Am Rande der Demonstration kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jungen Randalierern und Polizeikräften.

          Die Mehrheit der friedlich demonstrierenden Leute aber wollte auf die verzweifelte Lage der bretonischen Wirtschaft hinweisen. Auch in Carhaix kam es zu einer Demonstration, zu der die Linksfront und die linksgerichteten Gewerkschaften CGT, Solidaires und FSU aufgerufen hatten. Dem Wortführer der Linksfront, Jean-Luc Mélenchon, hatte der pariskritische Tonfall der anderen Demonstranten nicht gefallen. Er hielt ihnen vor, „Idioten“ zu sein, die für die Interessen des Großkapitals auf die Straße gingen. „Die Angestellten der bretonischen Départements dürfen sich nicht in ihrer Wut irren! Sie dürfen nicht die Hand küssen, die sie schlägt! Wenn sie historische Symbole mögen, dann sollten sie sich lieber an ihre Vorfahren erinnern, die 1789 die Revolution gegen die Privilegien der Reichen organisierten!“, sagte Mélenchon.

          Bretonen erwarten Hilfen von der Regierung

          Die Bretagne krankt besonders an den Übeln, die der Wirtschaft im ganzen Land zu schaffen macht: an überhöhten Lohnnebenkosten, einer schlechten Positionierung auf dem Markt und geringen Gewinnmargen. Die bretonische Landwirtschaftsindustrie hat nicht auf Qualität gesetzt, sondern betreibt Massentierhaltung in großen Schweine- und Geflügelzuchtbetrieben. Die Konkurrenz anderer Anbieter von Billigfleisch – insbesondere die der deutschen Fleischindustrie – macht den bretonischen Betrieben deshalb zu schaffen. Gewerkschaftsvertreter hetzen gegen die vermeintlich illoyalen deutschen Fleischproduzenten, die Billiglohnarbeiter aus Osteuropa beschäftigen. In der Presse werden regelmäßig „die deutschen Dumpinglöhne“ angeprangert. Doch mit diesem einseitigen Erklärmodell wollen sich viele Bretonen nicht zufrieden geben. Sie erwarten Hilfen von der Regierung, von einer industriellen Landwirtschaft, die immer mehr auch zu einer Belastung für die Umwelt wird, zu einer lokal verankerten Agrarproduktion mit Qualitätsprodukten zu finden.

          Die Krisenstimmung wird dadurch verstärkt, dass auch der angeschlagene französische Automobilhersteller Peugeot und der Telekomausrüster Alcatel-Lucent Arbeitsplätze in der Bretagne abbauen. Die Sozialisten, die seit Jahren in den meisten Rathäusern und in der Region Bretagne die Verantwortung tragen, haben es bislang versäumt, ein wirtschaftliches Zukunftsmodell auszuarbeiten.

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