https://www.faz.net/-gpf-82zpf

Pegida in Antwerpen : Die Spaltung der Diamantenstadt

  • -Aktualisiert am

„Wir denken nicht daran, wegzuziehen“: Ein belgischer Fallschirmjäger und jüdische Einwohner vor einer Schule im Zentrum Antwerpens Bild: Reuters

Antwerpen hat viele verschiedene Gesichter: Die einen schätzen die kulturelle Vielfalt der belgischen Metropole, für die anderen ist sie eine Hochburg der Rechtsextremisten. Jetzt spricht der Bürgermeister von einer „verkehrten Sorte von Zuwanderern“ und heizt damit die Ausländerdebatte an.

          7 Min.

          Direkt neben der „Eisenbahnkathedrale“, wie die Antwerpener den Hauptbahnhof mit der über 60 Meter hohen Kuppel und den Jugendstilelementen nennen, liegt das Diamantenviertel. Dass sich in der Hoveniersstraat hinter nüchternen Fassaden der größte Handelsplatz für Edelsteine verbirgt, ist nicht zu erkennen. In der kurzen Gasse sind schwarzgekleidete orthodoxe Juden zu sehen, die neben zahlreichen Indern die meisten Händler stellen. Vor einer Synagoge stehen schwerbewaffnete Soldaten.

          Rund 20.000 der 510.000 Einwohner Antwerpens sind jüdischen Glaubens, es sind überwiegend orthodoxe Chassiden. Seit den Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und auf einen jüdischen Supermarkt in Paris halten Fallschirmjäger vor Synagogen und jüdischen Schulen in Antwerpen Wache.

          Aber im Stadtpark ist an diesem sonnigen Frühlingstag von Beklemmung nichts zu spüren. Drei Jungen mit jüdischer Kippa sausen mit Tretrollern auf und ab. Daneben spielen arabischstämmige Kinder Fußball. Ein etwas älteres Mädchen mit Kopftuch schaut zu. Ein paar Schritte weiter hocken zwei junge schwarze Männer – einer spielt Gitarre, einträchtig singen sie. Zwischendrin tummeln sich auch jene Jugendlichen, die in Belgien als „Autochthone“ – Einheimische oder Alteingesessene – bezeichnet werden, die also keinen Migrationshintergrund haben.

          Aber was bedeutet das schon in einer Stadt, in der noch gerade 54,2 Prozent der Einwohner als „autochthon“ gelten? Nur jeder fünfte Einwohner hat einen ausländischen Pass, jeder vierte ist ein eingebürgerter „neuer Belgier“. Nicht weniger als 16 Herkunftskategorien führt die Statistik auf. Die größte Gruppe stellen die überwiegend aus Marokko stammenden „Nordafrikaner“ (knapp 13 Prozent), während auf „Westasiaten“, zu denen die türkischstämmigen Bewohner zählen, knapp sieben Prozent entfallen.

          Feindbilder : Pegida und deren Gegner

          Antwerpen gilt als Hochburg der Rechtsextremisten

          In welche Kategorie die jüdischen Bewohner fallen, verrät die Statistik nicht. Terry Davids hat andere Sorgen. Die Geschäftsführerin der jüdischen Zeitschrift „Joods Actueel“ sitzt in der Redaktion, die über eine schmale Treppe in einem Reihenhaus in der Nähe des Stadtparks zu erreichen ist. „Ich bin stolze Belgierin und Flämin“, sagt die energisch wirkende Frau. Ihr kürzlich verstorbener Vater, langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift, war 1928 als Säugling mit seinen Eltern aus Ungarn in die Stadt gekommen. 1942 war ihm die Flucht aus einem Zug gelungen, der in das Konzentrationslager Auschwitz fuhr. „Mein Vater hat stets für ein einträchtiges Nebeneinander von Juden, Christen und Andersgläubigen gearbeitet“, erzählt Davids.

          Sie wolle hinwirken auf eine tolerante Gesellschaft, in der zwischen allen Bürgern gegenseitiger Respekt herrscht – unabhängig von Herkunft und Weltanschauung. Dass die Antwerpener Sozialisten nach 2012 nach gut neun Jahrzehnten auf den Oppositionsbänken im Stadtparlament gelandet sind, bedauert Davids keineswegs. „Sie hatten kaum Gespür für die jüdischen Empfindsamkeiten“. Mit einem Stimmenanteil von vorübergehend bis zu einem Drittel für die fremdenfeindliche Partei Vlaams Belang gilt Antwerpen vielerorts als Hochburg der Rechtsextremen.

          Juden wollen nicht aus Antwerpen weg

          Doch die Partei musste 2012 ebenfalls eine schwere Wahlschlappe in der Stadt hinnehmen, die seitdem von einem bürgerlichen Parteienbündnis unter Führung der Neuen Flämischen Allianz (N-VA) von Bürgermeister Bart De Wever regiert wird. Auch wenn sich die Geschäftsführerin von „Joods Actueel“ vom flämisch-nationalistischen Kurs der Partei klar distanziert, findet sie lobende Worte für De Wever: „Er hat das Heft in Hand genommen und den Schutz jüdischer Einrichtungen umgehend verstärkt, erst nach den Anschlägen auf das Jüdische Museum in Brüssel und nun nach den Pariser Attentaten.“ Tatsächlich hat es an Bildern der Verbrüderung jüdischer Bewohner Antwerpens mit Fallschirmjägern nicht gemangelt.

          Anders als in der französischen Hauptstadt spielen in Antwerpen offenbar nur sehr wenige jüdische Bewohner mit dem Gedanken, nach Israel auszuwandern. „Wir leben hier und denken jetzt nicht daran, aus Antwerpen wegzuziehen“, sagt Davids.

          Unter Aufsicht: Belgische Polizisten bewachen das Jüdische Museum in Brüssel nach dem Attentat vor einem Jahr.
          Unter Aufsicht: Belgische Polizisten bewachen das Jüdische Museum in Brüssel nach dem Attentat vor einem Jahr. : Bild: Reuters

          Doch gibt es Entwicklungen in der Stadt, die ihr große Sorgen bereiten. Zum Beispiel, dass es dort nun Pegida Flandern, einen Ableger der islamfeindlichen deutschen Bewegung, gibt. Irritiert zeigt sich Davids auch über die von Dyab Abou Jahjah geführte Bewegung Movement X – eine Bürgerbewegung, die sich für die Gleichberechtigung von Migranten einsetzt. Der 43 Jahre alte gebürtige Libanese war vor einem Jahrzehnt als Gründer der Arabisch-Europäischen Liga (AEL) wegen seiner radikal antiisraelischen Haltung in Belgien kritisch beäugt worden.

          Damals kooperierte er mit Fouad Belkacem. Der Spitzenmann der salafistisch ausgerichteten Gruppe Sharia4Belgium war im Februar zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Er soll zahlreiche junge Muslime für den Kampf als Dschihadisten in Syrien angeworben haben. Dass Abou Jahjah heute scharfer Kritiker Belkacems ist und zudem regelmäßig eine Kolumne für die gutbürgerliche Zeitung „De Standaard“ verfasst, hat nicht alle Skeptiker verstummen lassen.

          Pegida-Mann vergleicht Islam mit Nationalsozialismus

          Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als Belkacem verurteilt wurde, beschloss der Softwarespezialist Rudy Van Nespen, mit Gleichgesinnten Pegida Flandern zu gründen. Beim Anblick der Anschläge in Paris habe man sich gesagt: „Jetzt müssen wir etwas tun. Wenn wir schweigen, dann können sie alle abschießen.“ Nun ist das Vorstandsmitglied des Vlaams Belang im Stadtteil Deurne Sprecher von Pegida Flandern. Dass es nur um einen Ableger der Partei gehe, streitet er bei einem Treffen ab. Es gebe Mitglieder anderer Parteien, auch Parteilose.

          Den Vorwurf des Rassismus weist der drahtig wirkende Mann, der in seiner Freizeit Gleitschirme fliegt, weit von sich: „Vielfalt ist eine Realität, aber es ist auch eine Tatsache, dass wir mitten in Europa leben. Das heißt, dass man sich anpassen muss – wenn nicht, dann ist da die Tür.“

          Der Einsatz von Gewalt, die er verabscheue, so Van Nespen, dürfte kein Mittel der Politik sein. Unumwunden sagt er aber auch: „Der Islam ist eine Ideologie, keine Religion.“ Er sei darin dem Nationalsozialismus vergleichbar. Gefordert sei eine „Entislamisierung wie die Entnazifizierung“. Die Demonstrationen, die Pegida bisher in Antwerpen und Gent organisiert habe, sollten die Politik wachrütteln und für die Gefahren des Vormarschs des Islams und die Integrationsprobleme sensibilisieren. „Solange dies nicht geschieht, wird die Bewegung immer stärker werden“, sagt Van Nespen.

          Partei N-VA verweist auf Präventionsprojekte

          Zuhal Demir reagiert verärgert, wenn man sie auf Pegida Flandern anspricht. „Die N-VA hat nichts mit Pegida Flandern zu tun und will auch nichts damit zu tun haben“, sagt die 35 Jahre alte türkisch-kurdischstämmige N-VA-Politikerin und Bezirksbürgermeisterin der Antwerpener Innenstadt. Sie vertritt ihre Partei auch im belgischen Parlament. Ihre der Union in Deutschland nahestehende Partei fühle sich dem Grundsatz der Integration verpflichtet. „Jeder, der hier wohnt, arbeitet und Steuern zahlt, gehört zu dieser Gemeinschaft“, sagt Demir. Als einzige Stadt verfüge Antwerpen über eine „Entradikalisierungsstelle“ mit sechs Vollzeitkräften. „Es wird stark präventiv gearbeitet, sowohl individuell mit Jugendlichen als auch mit Gruppen“, erläutert Demir.

          Van Nespen sieht dagegen einen „schleichenden Prozess“ der Islamisierung, der sich zum Beispiel durch den Zwang zu Fleisch betäubungslos geschlachteter Tiere in Hochschulkantinen zeige. Es genüge, sich 300 Meter vom Hauptbahnhof entfernt in das Viertel rings um die Ausfallstraße Turnhoutse Baan zu begeben. „Ein Kopftuch war vor 30 Jahren eine Ausnahme im Straßenbild, aber heute ist es die Regel“, beklagt Van Nespen. Auf den ersten Blick mag das stimmen; andererseits hat sich in dem Viertel eine alternative Szene herausgebildet. Davon zeugen Aufkleber von Atomkraftgegnern, aber auch die aus den Niederlanden importierte Vorliebe zum schweren „Bakfiets“, einem nicht nur zum Transport von Kindern geeigneten Lastenfahrrad.

          Gentrifizierung verstärke Radikalisierungsgefahr

          In der auch in Teilen Antwerpens zu beobachtenden „Gentrifizierung“, die sozial benachteiligte Ausländer in anonyme Vorstädte verdränge und dort zu Radikalisierung führen könne, sieht Abou Jahjah große Gefahren. Neun Jahre hat er in Antwerpen gelebt. Heimisch fühle er sich dagegen im jetzigen Wohnort Brüssel. Nun glaubt er zu wissen, woran das liegt.

          Auf der Terrasse eines Brüsseler Hotels spricht er von einem tiefreichenden gesellschaftlichen Wandel. Die mit der Überzeugung vom „ethnisch sauberen Europa“ verbundene Politik der Assimilation sei zum Scheitern verurteilt. „Es entspricht dem Zeitgeist, auf gesellschaftliche Einbeziehung und politische Beteiligung unterschiedlicher Gruppen zu setzen. Man muss Brücken zwischen ihnen bauen“, sagt der Vorsitzende von Movement X.

          „Brüssel ist ein Laboratorium für neue Beziehungen in einer vielfältigen Gesellschaft“, sagt Abou Jahjah. In der 1,2 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt gehörten nun auch französisch- und niederländischsprachige Belgier zu Minderheiten. Das eröffne neue Möglichkeiten zum Neben- und Miteinander. In Antwerpen gebe es dagegen einen „autochthonen“ Abwehrreflex. „Da die Mentalität, auch die der N-VA, darauf hinausläuft, Herr im Hause zu bleiben, erzeugt dies viel Spannungen und auch eine militantere Haltung in den Reihen der Minderheit“, erläutert Abou Jahjah.

          Rücktritt des Bürgermeisters gefordert

          Auf De Wever reagiert er besonders verärgert, seit der Bürgermeister Ende März für neuen Streit gesorgt hat. Er hatte erklärt, er sei noch nie einem Asiaten begegnet, der sich beklagt habe, Opfer von Rassismus zu sein. Es gebe bei bestimmten Bevölkerungsgruppen negative Erfahrungen. „Dabei geht es vor allem um Menschen nordafrikanischer Herkunft, vor allem die marokkanische Gemeinschaft und vor allem Berber. Und 80 Prozent der Marokkaner in Antwerpen sind berberischer Herkunft.“

          Es gehe um geschlossene Gruppen, empfänglich für salafistische Strömungen und Radikalisierung. „Schauen Sie mal, wer in unseren Gefängnissen sitzt“, sagte De Wever und fügte hinzu: „Wir haben eine verkehrte Sorte von Zuwanderern zugelassen.“

          Für Abou Jahjah steht fest: „Dadurch, dass sich De Wever pauschal auf sämtliche Berber, auf eine ethnische Gruppe, bezogen hat, ist seine Bemerkung rundum rassistisch. Er muss zurücktreten.“ De Wevers Parteifreundin Demir verteidigt unverdrossen den Antwerpener Kurs. „Zuwanderung sollte zu einer kulturellen Bereicherung beitragen.“ Die Politik sei freilich gescheitert. „Wir leben nicht zusammen, sondern nebeneinander.“

          Almaci warnt vor einer Polarisierung

          Jeder fünfte „Allochthone“ sei arbeitslos – das Erlernen der niederländischen Sprache sei der beste Weg zur Integration. Die 70 Bewohner Antwerpens, die sich den Dschihadisten angeschlossen hätten, hätten die Bande zu ihrer Familie und zu ihrer Religionsgemeinschaft verloren. Das Programm zur „Entradikalisierung“ zeige indes Wirkung. „Derzeit gibt es wenig oder keine neue Abreisen. Die Situation ist mehr oder weniger unter Kontrolle“, erklärt Demir.

          De Wever als Rassisten zu bezeichnen geht der flämischen Grünen-Vorsitzenden Meyrem Almaci, 1976 in der Türkei geboren und bis zu ihrer Wahl an die Parteispitze auch Mitglied des Antwerpener Stadtparlaments, entschieden zu weit. Ganz unrecht gibt sie Abou Jahjah aber nicht. De Wevers Aussage gehe in eine rassistische Richtung, schließlich werfe er alle Mitglieder einer bestimmten Bevölkerungsgruppe in einen Topf, sagt Almaci. Sie warnt davor, dass in Antwerpen die Polarisierung zunimmt.

          Almacis Kritik an De Wever, der als heimlicher Chef der belgischen Koalition seiner Partei mit den flämischen Christlichen Demokraten und den Liberalen beider Landesteile gilt, klingt unerbittlich: Er spalte, statt zu versöhnen, und betreibe Politik mit Feindbildern – ob es um Wallonen, Sozialisten, Gewerkschaften oder, wie jetzt, um bestimmte Bevölkerungsgruppen gehe. Dabei lebe Antwerpen von der Vielfalt.

          Antwerpen, im 16. Jahrhundert reichste Hafenstadt Europas, bleibt auch heute ein Ort großer Kontraste. „Heimstatt für Menschen aus 176 unterschiedlichen ethnischen Gruppen“, nennt Almaci ihre Stadt. „Öffnen Sie Ihre Augen“, würde sie am liebsten De Wever zurufen. „Das ist Ihre Stadt. Ich bin in der Türkei geboren, aber ich wohne in Antwerpen. Ich bin Belgierin, und ich bin Flämin.“

          Weitere Themen

          EU besteht auf Einhaltung des Vertrages Video-Seite öffnen

          Vakzin-Streit mit Astrazeneca : EU besteht auf Einhaltung des Vertrages

          Die EU besteht im Streit mit dem Pharma-Unternehmen Astrazeneca darauf, mit Impfstoff auch aus britischen Werken beliefert zu werden. Nach dem Prinzip „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ können beim Metzger um die Ecke, aber nicht bei dieser Vereinbarung gelten, sagte EU-Kommissarin Stella Kyriakides.

          Topmeldungen

          Corona-Teststation auf der Insel Ibiza

          Neues Corona-Medikament : Die Herbstzeitlose gibt Hoffnung

          In einer großen Covid-19-Studie soll der Pflanzenwirkstoff Colchicin überzeugt haben. Mit ihm wäre ein leicht verfügbares und preiswertes Mittel im Kampf gegen die schweren Krankheitsverläufe gefunden.

          Vendée Globe : Herrmann kollidiert mit Fischerboot – Dalin als Erster im Ziel

          Bei der härtesten Segelregatta der Welt überfährt Charlie Dalin als Erster die Ziellinie. Und dennoch ist der Franzose wohl nicht Sieger der Vendée Globe. Boris Herrmann entgeht auf der Jagd nach dem Podium nur knapp einer Katastrophe.

          Kulturkampf von oben : Frankreich streitet über seine Karikaturisten

          Vor einer Woche führte ein Dialog zweier Pinguine zum Shitstorm bei „Le Monde“. Jetzt zeichnen Frankreichs Karikaturisten auffällig brav. Zugleich bezichtigt ein Medienkritiker die Zunft des Kulturkampfs gegen Minderheiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.