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Pegida in Antwerpen : Die Spaltung der Diamantenstadt

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„Brüssel ist ein Laboratorium für neue Beziehungen in einer vielfältigen Gesellschaft“, sagt Abou Jahjah. In der 1,2 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt gehörten nun auch französisch- und niederländischsprachige Belgier zu Minderheiten. Das eröffne neue Möglichkeiten zum Neben- und Miteinander. In Antwerpen gebe es dagegen einen „autochthonen“ Abwehrreflex. „Da die Mentalität, auch die der N-VA, darauf hinausläuft, Herr im Hause zu bleiben, erzeugt dies viel Spannungen und auch eine militantere Haltung in den Reihen der Minderheit“, erläutert Abou Jahjah.

Rücktritt des Bürgermeisters gefordert

Auf De Wever reagiert er besonders verärgert, seit der Bürgermeister Ende März für neuen Streit gesorgt hat. Er hatte erklärt, er sei noch nie einem Asiaten begegnet, der sich beklagt habe, Opfer von Rassismus zu sein. Es gebe bei bestimmten Bevölkerungsgruppen negative Erfahrungen. „Dabei geht es vor allem um Menschen nordafrikanischer Herkunft, vor allem die marokkanische Gemeinschaft und vor allem Berber. Und 80 Prozent der Marokkaner in Antwerpen sind berberischer Herkunft.“

Es gehe um geschlossene Gruppen, empfänglich für salafistische Strömungen und Radikalisierung. „Schauen Sie mal, wer in unseren Gefängnissen sitzt“, sagte De Wever und fügte hinzu: „Wir haben eine verkehrte Sorte von Zuwanderern zugelassen.“

Für Abou Jahjah steht fest: „Dadurch, dass sich De Wever pauschal auf sämtliche Berber, auf eine ethnische Gruppe, bezogen hat, ist seine Bemerkung rundum rassistisch. Er muss zurücktreten.“ De Wevers Parteifreundin Demir verteidigt unverdrossen den Antwerpener Kurs. „Zuwanderung sollte zu einer kulturellen Bereicherung beitragen.“ Die Politik sei freilich gescheitert. „Wir leben nicht zusammen, sondern nebeneinander.“

Almaci warnt vor einer Polarisierung

Jeder fünfte „Allochthone“ sei arbeitslos – das Erlernen der niederländischen Sprache sei der beste Weg zur Integration. Die 70 Bewohner Antwerpens, die sich den Dschihadisten angeschlossen hätten, hätten die Bande zu ihrer Familie und zu ihrer Religionsgemeinschaft verloren. Das Programm zur „Entradikalisierung“ zeige indes Wirkung. „Derzeit gibt es wenig oder keine neue Abreisen. Die Situation ist mehr oder weniger unter Kontrolle“, erklärt Demir.

De Wever als Rassisten zu bezeichnen geht der flämischen Grünen-Vorsitzenden Meyrem Almaci, 1976 in der Türkei geboren und bis zu ihrer Wahl an die Parteispitze auch Mitglied des Antwerpener Stadtparlaments, entschieden zu weit. Ganz unrecht gibt sie Abou Jahjah aber nicht. De Wevers Aussage gehe in eine rassistische Richtung, schließlich werfe er alle Mitglieder einer bestimmten Bevölkerungsgruppe in einen Topf, sagt Almaci. Sie warnt davor, dass in Antwerpen die Polarisierung zunimmt.

Almacis Kritik an De Wever, der als heimlicher Chef der belgischen Koalition seiner Partei mit den flämischen Christlichen Demokraten und den Liberalen beider Landesteile gilt, klingt unerbittlich: Er spalte, statt zu versöhnen, und betreibe Politik mit Feindbildern – ob es um Wallonen, Sozialisten, Gewerkschaften oder, wie jetzt, um bestimmte Bevölkerungsgruppen gehe. Dabei lebe Antwerpen von der Vielfalt.

Antwerpen, im 16. Jahrhundert reichste Hafenstadt Europas, bleibt auch heute ein Ort großer Kontraste. „Heimstatt für Menschen aus 176 unterschiedlichen ethnischen Gruppen“, nennt Almaci ihre Stadt. „Öffnen Sie Ihre Augen“, würde sie am liebsten De Wever zurufen. „Das ist Ihre Stadt. Ich bin in der Türkei geboren, aber ich wohne in Antwerpen. Ich bin Belgierin, und ich bin Flämin.“

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