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Pasok : Nachruf auf eine Volkspartei

Andreas Papandreou gründete 1974 nach dem Sturz der griechischen Junta die Pasok. Danach begann der Wahlkampf für die erste freie Parlamentswahl. Bild: Imago

Die griechische Regierungspartei Pasok könnte nach den kommenden Wahlen in Griechenland nur noch außerparlamentarisch existieren. Viele Griechen würde das nicht stören. Doch die Partei hat auch einige Verdienste.

          Noch ist sie eine Regierungspartei, aber schon in einer Woche könnte sich die Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok) des stellvertretenden griechischen Ministerpräsidenten Evangelos Venizelos außerhalb des Parlaments wiederfinden. In manchen Umfragen liegt die Partei nur knapp über der in Griechenland geltenden Sperrklausel von drei Prozent, in anderen darunter.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Viele Griechen würden der Pasok, die für die längste Zeit ihres 40 Jahre währenden Bestehens Regierungspartei war, keine Träne nachweinen, denn sie machen die allhellenischen Sozialisten – von 1974 an über zwei Dekaden hinweg dominiert von ihrem 1996 verstorbenen Gründer Andreas Papandreou – für alle Übel Griechenlands verantwortlich. Tatsächlich hat Andreas Papandreou den traditionellen Klientelismus der griechischen Politik als Pasok-Vorsitzender in unbekannte Tiefen geführt. Zwar hat die konservative Nea Dimokratia, die zweite große Partei Griechenlands, diesen Stil kopiert und fleißig mitgetan bei der Zerrüttung der Staatsfinanzen. Es war aber zunächst vor allem Politik à la Papandreou, die den politischen und finanziellen Bankrott Griechenlands einleitete. Da erschien es nur gerecht, dass die Pasok von 2009 bis 2011 allein das Land regieren musste und die ganze Wut der Wähler über die unvermeidbare Sparpolitik abbekam.

          Fast vergessen ist, dass sich die Pasok in ihren frühen Jahren an der Macht auch Verdienste erworben hat – durch die gesellschaftliche Modernisierung Griechenlands in einem Geiste, der dem Lande heute schmerzlich fehlt. Andreas Papandreou hat in den achtziger Jahren soziale Reformen durchgesetzt, die dem Land erst den Anschluss an Europa ermöglichten. Eine Kraft, die für Reformen in diesem Sinne steht, fehlt heute in Griechenland.

          Zu den bleibenden Verdiensten Papandreous gehören seine Maßnahmen zur Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie zur Modernisierung des Eherechts. Bis in die frühen achtziger Jahre war es in Griechenland nicht möglich, ohne den Segen der Kirche zu heiraten. „Erst die Pasok schuf die Institution der Zivilehe. Vorher wurden Ehen – rekurrierend auf ein byzantinisches Gesetz aus dem 9. Jahrhundert – nur von der Kirche geschlossen“, fasst Christos Katsioulis, Leiter des Athener Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung, die mittelalterliche Lage vor Papandreous erster Regierungszeit zusammen. „Andersgläubigen oder Atheisten konnte die Kirche eine Eheschließung verweigern, so wie sie sich nach 1983 zuweilen weigerte, nur standesamtlich Verheirateten das Sterbesakrament zu erteilen“, ergänzt er.

          Die Pasok führte auch Gesetze zum Mutterschutz ein und bekämpfte die Unsitte der Aussteuer, wobei sich die Ansicht, dass eine Frau für die Gnade des Geheiratetwerdens etwas in die Ehe einbringen müsse, in ländlichen Gegenden bis heute erhalten hat. „Früher konnten Ehen meist nur geschlossen werden, wenn die Eltern der Braut eine stattliche Mitgift in Form von Bargeld, Wohnungen oder anderen Starthilfen bereitstellten.

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