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Pasok : Nachruf auf eine Volkspartei

Von 1983 an wurden beide Ehepartner verpflichtet, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten für den Lebensunterhalt der Familie einzubringen, und der Ehemann war nun nicht mehr laut Gesetz das ,Oberhaupt der Familie‘, sondern die Frau ihm gleichgestellt“, sagt Katsioulis. Die Pasok führte zudem ein modernes Scheidungsrecht ein und ermöglichte es verheirateten Frauen, ihren Geburtsnamen zu behalten. Heute sind das auch in Griechenland Selbstverständlichkeiten, und viele junge Griechen wissen nicht einmal, welche altertümlichen Gesetze noch zur Jugendzeit ihrer Eltern in ihrer Heimat galten.

Reformen von seltsamen Eskapaden begleitet

Zwar waren die Reformen der Pasok schon früh von seltsamen Eskapaden begleitet, vor allem in der Außenpolitik. Mal beschimpfte Andreas Papandreou, der an der Harvard-Universität seinen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften erworben hatte, auf einem Pasok-Parteitag Washington als „Heimstatt des Imperialismus“ und pries die Sowjetunion als Vorbild, mal hetzte er gegen Israel. Aber es gilt eben auch, dass Griechenland erst durch die Neuerungen der Pasok Anschluss an soziale Standards fand, die in Westeuropa selbstverständlich waren.

Zur Regierungszeit der Pasok wurden die 40-Stunden-Woche und eine gesetzliche Urlaubsregelung eingeführt, und erst die Sozialisten schufen ein Gesundheitssystem, das diesen Namen verdiente. Seit den achtziger Jahren gibt es eine nationale Gesundheitsfürsorge mit Behandlungszentren im ganzen Land. Vorher mussten viele Menschen zur Behandlung entweder nach Thessaloniki oder nach Athen reisen und dies aus eigener Tasche bezahlen. Dass die durch Korruption genährte Kostenexplosion im Gesundheitssystem später zum Ruin Griechenlands beitrug, ist die andere Seite der Medaille.

An die unter den Trümmern ihrer Misswirtschaft begrabenen Verdienste der ehemaligen Volkspartei Pasok zu erinnern, wäre dennoch nur für Historiker interessant, ergäbe sich daraus nicht auch eine zukunftsweisende Frage: Welche Kräfte können künftig für die weiter dringend nötige gesellschaftliche Modernisierung des Landes einstehen? In Athen wird seit fünf Jahren nur über Wirtschaftsreformen gesprochen, dabei liegt auch gesellschaftspolitisch vieles im Argen. Ein Beispiel von vielen: Wer sich in Griechenland einäschern lassen will, kann das nicht tun. Zwar hat der Staat, gegen den hartnäckigen Widerstand der orthodoxen Kirche, inzwischen die gesetzlichen Grundlagen für den Betrieb von Krematorien geschaffen, aber noch gibt es keine in Griechenland.

Die Kirche wettert dagegen, wovon sich manch ein potentieller Investor abschrecken lässt. Die vor einigen Jahren verstorbene Ehefrau von Giannis Boutaris, des Bürgermeisters von Thessaloniki, wollte nach ihrem Tod verbrannt werden. Boutaris musste den Leichnam ins benachbarte Bulgarien schaffen lassen, um den letzten Wunsch seiner Frau zu erfüllen. Ein anderes Beispiel sind Geschichtsbücher an Schulen, in denen ein Geschichtsbild vermittelt wird, das mit multiperspektivischer Didaktik auf der Höhe der Zeit wenig zu tun hat.

Es gibt viele Politikfelder, in denen eine moderne, weltoffene Partei in Griechenland vonnöten wäre. Doch eine Kraft, die die modernisierende Rolle der frühen Pasok ausfüllen könnte, ist nicht in Sicht. Die Worte „Reform“ oder „Modernisierung“ seien „zu negativ besetzten Chiffren“ im griechischen Diskurs geworden, sagt Katsioulis. Daran würde indes auch ein Verbleib der Sozialisten im Parlament nichts ändern. Denn Venizelos’ Stummel-Pasok ist nur noch ein Schatten ihrer guten und ihrer schlechten Taten.

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