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Nobelpreis für die EU : Verblassende Erinnerungen

Bild: dpa

In Brüssel knallten am Freitag keine Korken - stattdessen wurde diskutiert, wer den Nobelpreis entgegennehmen soll. Und die EU-Bürger sind sich kaum noch bewusst, dass die EU ein Friedensprojekt ist.

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          Das Brüsseler Europaviertel ist keine Partymeile, schließlich wird es von sogenannten Technokraten bevölkert. So gab es am Freitag denn auch keine Autokorsos oder Freudentänze am Schuman-Platz, an dem Kommission und Rat der EU liegen. „Champagnerflaschen haben wir nicht aufgemacht“, versicherte dienstbeflissen die Kommissionssprecherin Pia Ahrenkilde Hansen, und keiner zweifelte daran, dass sie damit auch die Wahrheit sagte. Ein fröhliches Gesicht machte die Dänin allerdings schon, so wie auch viele Politiker in Brüssel.

          Nikolas Busse
          Verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Kommissionspräsident José Manuel Barroso trat eigens im Pressesaal der Kommission vor die Kameras und bekannte freimütig, dass er einen „so guten Tag“ nicht erwartet hatte, als er am Morgen aufgestanden sei. Barrosos Reaktion enthielt vor allem eine kleine Mahnung an die Euroskeptiker und Europagegner, die durch die Krise soviel Zulauf bekommen haben. „Der Nobelpreisausschuss und die internationale Gemeinschaft senden nun eine sehr wichtige Botschaft nach Europa, dass die Europäische Union etwas sehr Wertvolles ist, das wir zum Nutzen der Europäer und der ganzen Welt schätzen sollten.“

          Ratspräsident Herman Van Rompuy, der kraft seines Amtes viel in Europa umherreist, war gerade in Finnland, als die Nachricht bekannt wurde. An der Seite des finnischen Ministerpräsidenten Jyrki Katainen hob er vor allem hervor, dass das nicht nur ein Preis für die politischen Führer in Brüssel sei, sondern einer für alle europäischen Bürger und für die Generationen, die den Kontinent aufgebaut haben. „Wir sind sehr dankbar, dass wir diesen Nobelpreis erhalten, nicht nur in unserem Namen, sondern auch im Namen unserer Vorgänger. Die Bürger in allen unseren Ländern können stolz sein, Europäer zu sein.“ Auch Barroso und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz bezeichneten den Preis als eine Auszeichnung für die 500 Millionen Bürger der EU-Staaten.

          Kritik als Ansporn

          Ein wenig Kritik gab es zwar auch, aber die war wohl mehr als Ansporn gedacht. Der Fraktionsvorsitzende der Liberalen im Europaparlament, der Belgier Guy Verhofstadt, war der Meinung, der Preis sei zwar hochverdient, solle aber nicht die Illusion wecken, die heutige Politikergeneration sei so erfolgreich wie die Vorväter. Die Vorsitzende der Linksfraktion, die Deutsche Gabi Zimmer, sprach von einer „überraschenden Entscheidung“, die an die „positiven Werte“ der EU erinnere, die in der Krise allzu oft keine Rolle mehr spielten. (Gemeint waren offenbar Solidarität und Pazifismus.) Immerhin: Den britischen Euroskeptikern, die sonst gerne in jede Brüssler Suppe spucken, hatte es am Freitag die Sprache verschlagen. Der letzte Eintrag auf der Website ihrer Fraktion im EU-Parlament forderte ein Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens.

          Wie es in der von Eifersüchteleien und Kompetenzgerangel nicht freien EU üblich ist, bahnte sich aber gleich wieder Streit an. Auf die Frage, wer denn nun in Oslo den Preis entgegennehmen solle, hatten die verschiedenen Akteure gar keine oder widersprüchliche Antworten. Die Kommissionssprecherin und Van Rompuy sagten, das werde irgendwann anders entschieden, jetzt wolle man sich erst einmal freuen. Dagegen verkündete Schulz, das Parlament (also er) freue sich darauf, die Auszeichnung „zusammen mit den anderen EU-Institutionen“ entgegenzunehmen.

          Kinder statt Politiker nach Oslo?

          In Berlin fand man das dem Vernehmen nach ein diskussionswürdiges Ansinnen, denn die Bundeskanzlerin besteht ja stets darauf, dass die EU auch von den Mitgliedstaaten vertreten werde, nicht nur von den Brüsseler Würdenträgern. Da werde vielleicht doch der eine oder andere Staats- und Regierungschef mitfahren, sagte man in Berlin voraus, darunter dann natürlich auch die Kanzlerin. Als Vorschlag zur Güte erschien ein Tweet von Innenkommissarin Cecilia Malmström, die anregte, gar keinen Politiker, sondern 27 Kinder nach Oslo zu schicken, eines aus jedem Mitgliedsland.

          Eine Gratulationsadresse schickte auch Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen vom anderen Ende der Stadt ins Europaviertel. Er sprach von den „wärmsten Glückwünschen“ für die EU, konnte sich aber nicht den Hinweis verkneifen, dass das westliche Bündnis auch eine gewisse Rolle bei der Wahrung des Friedens in Europa gespielt hat: „Von Anfang an haben die Nato und die Europäische Union die gleichen Werte geteilt und dazu beigetragen, das neue Europa zu formen.“ Im Bündnis dürften nicht nur die Militärs der Meinung sein, dass sie es waren und nicht etwa die EU, die im Kalten Krieg den Frieden in Europa bewahrt und danach auf dem Balkan die Kastanien aus dem Feuer geholt haben.

          Sarkozy: Ohne die EU wird es Krieg geben

          Was die viel gepriesenen Unionsbürger über all das denken, ließ sich am Freitag nicht ermitteln, dazu arbeiten die Meinungsforscher nicht schnell genug. Dass die EU ein Friedensprojekt ist, scheint heute vielen ihrer Bewohner aber nicht mehr bewusst zu sein. Die EU-Kommission ließ vor zwei Jahren eine Umfrage in allen Mitgliedstaaten vornehmen, in der die Befragten unter anderem sagen sollten, was die EU für sie persönlich bedeute. Die häufigste Antwort war mit 45 Prozent Freizügigkeit, danach kam mit 40 Prozent der Euro. Friede lag mit 24 Prozent nur an dritter Stelle. In anderen Worten: Die Meinung des Nobelkomitees teilt derzeit nur ein Viertel der EU-Bürger.

          Eine Meldung, die noch vor der Verkündung der Preisverleihung einging, erinnerte daran, dass die politische Klasse die Kriegsgefahr offenbar noch nicht für endgültig gebannt hält. Der frühere französische Präsident Nicolas Sarkozy wurde aus einem Vortrag in New York mit den Worten zitiert: „Wenn es keine Europäische Union gibt, wird es wieder Krieg geben.“ Gerade Deutschland und Frankreich hätten keine andere Wahl als Annäherung. „Wenn sie sich nicht annähern, werden sie sich bekämpfen.“

          Wie alles anfing: Mit dem Vertrag von Paris kommt es 1951 zur Montanunion.
          Wie alles anfing: Mit dem Vertrag von Paris kommt es 1951 zur Montanunion. : Bild: picture-alliance / dpa

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