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Nobelpreis für die EU : Trügerischer Friedenspreis

Merkel und Samaras am Dienstag in Athen Bild: AFP

Der Besuch von Angela Merkel in Griechenland hat gezeigt, dass Athen ganz weit von Oslo entfernt ist. Deshalb hat auch die EU den Friedensnobelpreis bekommen - und nicht die Eurozone.

          Die Europäische Union hat den Friedensnobelpreis erhalten, weshalb wir jetzt alle Friedensnobelpreisträger sind, denn: Auch du bist EU. Und Sie auch. Die Deutschen sind damit derzeit Nobelpreisträger, Papst und EM-Halbfinalist in einem - so viel Ehre kommt selten zusammen in einem Leben. Wenige Tage vor Bekanntgabe der Entscheidung sah die Welt noch ganz anders aus.

          Da hatte ein Kurzaufenthalt der deutschen Kanzlerin in Athen die griechische Hauptstadt für mehrere Stunden in eine Festung verwandelt. Eigentlich war nichts Besonderes geschehen: Es hatte nur die Regierungschefin eines Staates der Eurozone den Ministerpräsidenten eines anderen Eurostaates besucht. Trotzdem herrschte Ausnahmezustand. Waren das noch Zeiten, twitterte eine Athenerin melancholisch, als der Schutz eines anreisenden Spitzenpolitikers noch nicht den logistischen Aufwand einer Invasion der Normandie erforderte. Dabei können „Spitzenpolitiker“ durchaus unbehelligt nach Athen reisen. Nur Frau Merkel nicht.

          Chemienobelpreis für die griechische Polizei?

          Kurz nach ihrem Abflug kam der türkische Außenminister - kaum jemand nahm von ihm Notiz. Die Kanzlerin dagegen musste von 7000 Polizisten beschützt werden. Immerhin konnte der griechische Staat da einmal zeigen, dass er noch funktioniert. Zumindest sein Polizeiapparat. Die Behörden hatten sogar ein Versammlungsverbot erlassen. Auch das ist eine Frucht der gemeinsamen Währung: Der Euro, der den Prozess der europäischen Einigung unumkehrbar machen sollte, wirkt an schlechten Tagen eher so, als mache er die Spaltung der Europäer irreversibel. Deshalb hat ja auch die EU den Friedensnobelpreis bekommen und nicht die Eurozone. Die kriegt vielleicht im kommenden Jahr den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Und die griechische Polizei den für Chemie - für ihren routinierten Umgang mit Tränengas.

          Übrigens hätte man schon vor Angela Merkels kurzfristig anberaumtem Truppenbesuch im Mutterland der Euro-Krise gefahrlos jede Wette eingehen können, dass es hinterher heißen würde, die Kanzlerin sei „zu spät“ nach Athen gekommen. Und siehe: Kaum war Frau Merkel abgereist, krähten einige Kommentatoren, die Kanzlerin sei „zu spät“ nach Athen gekommen. Das kräht sich leicht. Aber es gab wichtige Gründe, die gegen einen früheren Besuch sprachen. Zwischen November 2011 und Juni 2012 gab es in Athen nicht einmal einen gewählten Ministerpräsidenten, mit dem die Kanzlerin hätte sprechen können. Vorher hätte ein Besuch der paneuropäischen Spaßbremse aus Berlin dem ohnehin schon strauchelnden seinerzeitigen Ministerpräsidenten Papandreou mehr geschadet als genutzt. Das Gastspiel kam also zur rechten Zeit - und es war mutig. Andere wichtige Staats- und Regierungschefs der Eurozone haben sich bisher nicht nach Athen gewagt, weder Nicolas Sarkozy noch sein Nachfolger François Hollande.

          Dummheit und Geschmacklosigkeit

          Es gab noch zwei andere Wetten im Zusammenhang mit der Reise von Frau Merkel, die Londons Buchmacher wohl nicht angenommen hätten. Erstens war klar, dass einige Demonstranten in SS-Uniformen oder mit Hakenkreuzfahnen auf die Straßen gehen, und zweitens gewiss, dass sich deutsche Medien empört auf solche Bilder stürzen würden. Doch derartige Aufmerksamkeit haben die griechischen NS-Karnevalisten nicht verdient. Adolf Hitlers altösterreichischer Landsmann Arthur Schnitzler hätte gesagt: Sie sind nicht satisfaktionsfähig. Dass griechische Zeitungen Angela Merkel als KZ-Wächterin in Auschwitz darstellen, ohne vom Presserat auch nur gerügt zu werden, ist ein Skandal. Dass eine Handvoll Laiendarsteller kalkulierten Tabubruch betreibt, ist es nicht. Es bestätigt nur, dass Dummheit und Geschmacklosigkeit weit verbreitet sind.

          Die Mehrheit der Demonstranten hat ohne düstere Symbole gegen Deutschlands Kanzlerin protestiert. Man fragt sich zwar, wie es um das Weltbild von Menschen beschaffen ist, die eine Politikerin zur Hölle wünschen, ohne die sie schon lange selbst dort schmorten. In der Hölle des Staatsbankrotts also. Andererseits folgten gerade einmal 40.000 werdende Friedensnobelpreisträger dem Aufruf, gegen die angebliche Unterdrückung ihres Landes durch Berlin zu protestieren. Gemessen an den Zahlen, die Gewerkschafter und Krawallpopulisten früher auf die Straße brachten, ist das keine beeindruckende Zahl. Bedenklich stimmt eher das Versagen der griechischen Eliten: Warum suchen so wenige Meinungsführer die Schuld für die Misere im eigenen Land? Vielleicht, weil es mit der Wahrheit so ist wie mit einer Zahnwurzelbehandlung - sie kann weh tun. Da ist es allemal einfacher, die deutsche Kanzlerin zu bezichtigen, sie betreibe die falsche Politik. Für Politik gilt aber weiterhin, was Gottfried Benn dazu festgestellt hat: „Leicht gesagt: verkehrte Politik. Wann verkehrt? Heute? Nach zehn Jahren? Nach einem Jahrhundert?“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

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