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Nabucco-Pipeline : Aserbaidschan sagt der EU Gaslieferungen zu

Energiestadt Baku: Im kaspischen Meer schwimmt das Benzin, das Gas soll bald bis nach Europa geleitet werden - an Russland vorbei Bild: AFP

Die EU will ihre Abhängigkeit vom russischen Gasmarkt verringern. Dafür wird ein südliches Pipeline-System benötigt, das Russland umgeht. Gaslieferungen aus Aserbaidschan sind dafür eine Voraussetzung. Jetzt hat die Regierung in Baku diese versprochen.

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          Die EU ist ihrem Ziel, sich unabhängiger von russischem Gas zu machen, einen Schritt näher gekommen. Aserbaidschan versprach am Donnerstag, genug Gas zur Verfügung zu stellen, um Europa den Aufbau eines südlichen Pipeline-Systems zu ermöglichen, das Russland umgeht. Kommissionspräsident Barroso unterzeichnete in Baku eine entsprechende Vereinbarung mit dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew. Er sprach von einem „großen Durchbruch“. Konkrete Verträge müssen allerdings noch die beteiligten Energieunternehmen aushandeln, was bis März geschehen soll.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Zusage Aserbaidschans betrifft das Gasfeld Shah Deniz II, mit dessen Erschließung in den nächsten Jahren begonnen werden soll. Mehrere europäische Firmen sind schon an der Ausbeutung des ersten Teils des Feldes beteiligt. Nach Schätzungen der EU-Kommission würden die Erträge des Feldes, die auf 14 bis 16 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich geschätzt werden, ausreichen, um mit dem Aufbau des sogenannten „südlichen Korridors“ der europäischen Gasversorgung zu beginnen, der aus Nabucco und drei kleineren Ölleitungen (ITGI, TAP, White Stream) besteht.

          Die Vereinbarung mit Aserbaidschan ist das erste schriftliche Dokument, in dem das Land der EU den Verkauf von Gas zusagt. Deshalb waren Barroso und Energiekommissar Oettinger eigens zur Unterzeichnung in das Land gereist. Im Gegenzug verspricht die EU Aserbaidschan Zugang zum europäischen Gasmarkt. Die Europäer werben im gesamten kaspischen Raum damit, dass Europa einen großen und zuverlässigen Markt bietet, auf dem höhere Preise zu erzielen sind als beim bisher in der Region dominierenden Verkauf des Gases nach Russland.

          Fortschritt für Nabucco

          Die EU will seit längerem ihre Abhängigkeit von russischem Gas verringern, nicht zuletzt weil europäische Länder Leidtragende der Gaskriege zwischen Moskau und Transitländern wie der Ukraine geworden sind. Derzeit entfallen etwa 40 Prozent der europäischen Gasimporte auf Russland. Es gibt Mitgliedstaaten wie die baltischen Länder, Finnland, die Slowakei oder Bulgarien, die keine anderen Bezugsquellen haben. In Deutschland liegt der Anteil Russlands an den Gasimporten bei 44 Prozent. Da die europäischen Gasvorkommen langsam ausgehen, dürfte Europa in den nächsten Jahrzehnten noch abhängiger von auswärtigen Gaslieferungen werden. Über Pipelines ist Europa sonst noch mit Nordafrika verbunden. Allerdings spielen auch Flüssiggaslieferungen aus Übersee zunehmend eine Rolle, weil mehr Terminals in der EU für die dafür benötigten Spezialschiffe gebaut werden. In Südosteuropa plant der staatlich kontrollierte russische Konzern Gasprom als Konkurrenz zu Nabucco eine Pipeline namens South Stream. Von vielen Fachleuten wird bezweifelt, ob das Gas im kaspischen Raum für einen wirtschaftlichen Betrieb beider Leitungen reicht.

          Die Vereinbarung mit Aserbaidschan gilt in der EU daher insbesondere als Fortschritt für den Bau der strategisch entscheidenden Leitung Nabucco, die Gas aus der Region direkt bis nach Österreich pumpen soll. In der EU-Kommission ist man der Meinung, dass das Feld Shah Deniz II reicht, um die Anfangskapazität der Pipeline zu füllen. Um das angestrebte Gesamtvolumen von 31 Milliarden Kubikmetern zu füllen, seien aber noch andere Lieferanten nötig. In Frage kommen vor allem Turkmenistan und der Irak.

          Druck von Russland auf Turkmenistan

          Barroso und Oettinger reisen am Samstag nach Turkmenistan weiter, um dort ebenfalls für Lieferungen nach Europa zu werben. Das Land soll Reserven haben, die etwa 50 Prozent der heute in Russland bekannten Vorräte entsprechen. Die EU hat von der turkmenischen Regierung zuletzt allerdings widersprüchliche Signale erhalten. Eine Formel lautet, dass das Land bereit sei, der EU Gas zu verkaufen, aber nur an der Landesgrenze. Das bedeutet, dass die Europäer den Transport über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan organisieren müssten.

          In der Kommission herrscht die Einschätzung vor, dass die turkmenische Regierung in der Sache von Russland unter gewaltigen Druck gesetzt wird. Anders als Aserbaidschan, das sich unter anderem wegen der russischen Unterstützung für seinen Erzfeind Armenien um einen prowestlichen Kurs bemüht, ist Turkmenistan stark von Russland abhängig. Sein Gas kann derzeit nur über russische Leitungen ausgeführt werden. Allerdings ist die turkmenische Regierung um eine Diversifizierung ihrer Kunden bemüht, weshalb sie demnächst Lieferungen nach China aufnehmen will.

          Auch hier wirbt die Kommission mit dem Argument, dass in Europa ein wesentlich höherer Preis zu erzielen sei, als Turkmenistan derzeit für sein Gas von Russland bekommt. Die EU setzt darauf, dass ihr Abkommen mit Aserbaidschan den Turkmenen gestattet, sich der Versorgung des „südlichen Korridors“ mit dem Argument anzuschließen, dass das Projekt ja nun ohne ihr Zutun schon in Gang gekommen sei. Bei der Lieferung über das Kaspische Meer bevorzugt Turkmenistan dem Vernehmen nach eine Verladung auf Flüssiggasschiffe statt dem Bau einer Pipeline. (Kommentar Seite 10.)

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