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Möglicher Brexit : Die Anti-EU-Bewegung erreicht die City

Das Londoner Finanzviertel: Verlassen die Großbanken bald „die City“? Bild: Reuters

EU? Nein, danke. Jetzt regt sich auch im Londoner Finanzviertel Widerstand gegen den pro-europäischen Konsens.

          Manchmal finden sich die übelriechenden Hinterlassenschaften der Obdachlosen aus Kontinentaleuropa direkt vor der Tür von Luke Johnson. „Die Rumänen schlafen vor unserem Hauseingang auf dem Gehsteig“, sagt der Gründer der Londoner Risikokapitalgesellschaft Risk Capital Partners. Sein Unternehmen residiert in Mayfair, einem der teuersten Viertel der britischen Hauptstadt.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Gleich um die Ecke steht das Luxuskaufhaus Selfridges, der nahegelegene Fish-and-Chips-Laden führt Austern und Hummer auf der Speisekarte – und doch steigt Johnson morgens auf dem Weg ins Büro der Uringestank in die Nase. Er ist nicht der Einzige hier, der sich über die vielen Obdachlosen aus Osteuropa empört, die in der Gegend zu Dutzenden campieren.

          Offene EU-Grenzen spülen Elend vor die Bürotür

          Für Johnson ist das Ärgernis nur ein kleines Symptom eines großen Missstandes: „Ich bin ein enthusiastischer Europäer“, sagt der Finanzinvestor, dessen Vermögen die „Sunday Times“ in ihrer Reichen-Liste mit 220 Millionen Pfund veranschlagt. „Aber Europa ist etwas völlig anderes als die Europäische Union.“ Johnson stören nicht nur die offenen Grenzen innerhalb der EU, die ihm das Elend vor die Bürotür spülen. Wer sich mit dem Finanzmanager unterhält, dem wird schnell klar, dass er ein sehr viel grundsätzlicheres Problem mit dem Staatenbund hat: Johnson beklagt Demokratiedefizit, Bürokratismus und Gleichmacherei – vor allem aber eines: „Es gibt in der EU ein fundamentales Misstrauen gegenüber der freien Marktwirtschaft, die unserem Land Wohlstand gebracht hat“, sagt er.

          Bis spätestens Ende 2017 werden die Briten in einem Volksentscheid über den Ausstieg aus der EU abstimmen. Das hat Großbritanniens Premierminister David Cameron den Bürgern versprochen. Was aus kontinentaleuropäischer Sicht bizarr anmuten mag, ist gar nicht mal so unwahrscheinlich: Von den insgesamt acht Meinungsumfragen, die auf der Insel seit Anfang September durchgeführt wurden, ergaben drei eine Mehrheit für den sogenannten „Brexit“. Es wäre das erste Mal in der Geschichte der europäischen Einigung, dass ein Mitgliedsland der EU den Rücken kehrt.

          Die Finanzbranche in der City of London gilt eigentlich als eine Festung der Proeuropäer. Ausschlaggebend dürften dabei für viele Geldmanager nicht unbedingt politische Überzeugungen sein, sondern geschäftliche Interessen: Die britische Hauptstadt ist die Bankfiliale Europas. Der größte Handelsplatz für den Euro ist nicht Frankfurt oder Paris, sondern London – und das, obwohl die Briten bis heute in Sterling bezahlen statt in Euro. Doch viele Banker befürchten, dass dieses und viele andere Geschäfte von der Themse abwandern werden, wenn das Land der EU den Rücken kehrt.

          „So stark war die Anti-EU-Bewegung noch nie“

          Doch Luke Johnson ist der wandelnde Beleg dafür, wie tief selbst die City in der Europafrage gespalten ist: Er zählt fest zum Establishment im Londoner Geldgewerbe, und doch steht er dem europäischen Projekt mit tiefer Skepsis gegenüber. „So stark wie im Augenblick war die Anti-EU-Bewegung in der City noch nie“, sagt besorgt und hinter vorgehaltener Hand ein Branchenlobbyist. Die Trennlinie zwischen Proeuropäern und EU-Skeptikern verlaufe zwischen Groß und Klein, erklärt Johnson. Auf der einen Seite stünden die Riesen, allen voran die Großbanken: „Die sind für die EU, weil sie dem Sicherheitsdenken verhaftet sind und Veränderungen scheuen“, sagt er. „Ideenlos und engstirnig“ findet er deren Denkweise. Die Marktführer seien gefangen in einem proeuropäischen „Herdentrieb“.

          Dass der Verwaltungsratschef des Geldhauses Lloyds und konservative Oberhausabgeordnete Norman Blackwell diesen Monat mit dem Brexit liebäugelte, gelte in Bankenkreisen schon als unbotmäßiges „Aus-der-Reihe-Tanzen“, sagt Johnson mit leisem Spott. Dabei hat Blackwell seine europakritischen Äußerungen im Parlament mit dem ausdrücklichen Hinweis eingeleitet, dass er damit nicht für die Bank, sondern als Politiker spreche.

          Den Proeuropäern stünden die „Unternehmer“ im Geldgeschäft gegenüber, sagt Johnson: Im Kreis der Private-Equity-Gesellschaften und Hedgefonds an der Themse ist er bei weitem nicht der einzige EU-Skeptiker. Branchengrößen wie der Hedgefondsmanager Crispin Odey und Helena Morrissey, die Vorstandschefin des Vermögensverwalters Newton Asset Management, stehen der EU ähnlich kritisch gegenüber wie Johnson.

          Großbanken drohen mit Konsequenzen

          Der Graben zwischen den Lagern ist tief. Internationale Großbanken, die zu den größten Arbeitgebern in der City und im Finanzviertel Canary Wharf zählen, warnen, dem Finanzplatz London drohe nach dem EU-Ausstieg ein schleichender Abstieg. „Wir glauben, dass die weitere Mitgliedschaft Großbritanniens in einer reformierten EU sehr wichtig für Großbritanniens Wachstum und Wohlstand sein wird“, sagt etwa Jim Cowles, der Europachef der amerikanischen Citigroup.

          Goldman Sachs hat sogar unverblümt damit gedroht, nach einem Brexit Geschäfte von London nach Frankfurt oder Paris zu verlagern. Auch die Deutsche Bank macht sich schon Gedanken über die Konsequenzen eines britischen EU-Ausstiegs. „Es würden bei uns nicht über Nacht die Lichter ausgehen, wenn Großbritannien austritt“, sagt Chris Cummings, der Geschäftsführer des Branchenverbands City UK. „Aber auf Sicht von fünf bis zehn Jahren werden die Einbußen sehr wahrscheinlich schmerzhaft sein.“ Alles nur Angstmacherei, entgegnet der EU-Gegner Johnson. „London ist ein weltweit führendes Finanzzentrum und daran würde auch der Brexit nichts ändern“, sagt er.

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