https://www.faz.net/-gpf-735wd

Marseille : Stadt des Verbrechens

Der Norden von Marseille: In der Tristesse gedeiht die Kriminalität Bild: REUTERS

Frankreich blickt ratlos auf den Anstieg der Kriminalität in Marseille: Zum größten Arbeitgeber der Jungen ist der Rauschgifthandel geworden. Das schlechte soziale Klima, ständige Streiks und die niedrige Arbeitsmoral führen dazu, dass sogar der Hafen stetig Marktanteile verliert.

          Im kommenden Jahr will sich Marseille im Glanz einer europäischen Kulturhauptstadt zeigen. In der Gegenwart macht die zweitgrößte Stadt Frankreichs aber mehr als Kapitale des Verbrechens von sich reden. Die Gewalt in der Mittelmeermetropole hat solche Ausmaße erreicht, dass Lokalpolitiker nach der Armee rufen. Die Kriminalitätsstatistik zeigt einen sprunghaften Anstieg der bewaffneten Überfälle und der Diebstähle mit Gewaltanwendung.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Ganze Wohnviertel im Norden von Marseille sind dabei, in eine Parallelwirtschaft abzudriften, die von Drogenmafias und Waffenhändlern beherrscht wird. Bandenkriege im „Milieu“ haben seit Jahresbeginn mehr als 20 Todesopfer gefordert. Premierminister Jean-Marc Ayrault hat deshalb einen „globalen Aktionsplan“ für Marseille verkündet und das Schicksal der Stadt zum „nationalen Interesse Frankreichs“ erhoben. Der sozialistische Regierungschef versprach „ein Ende der Trägheit“.

          Mehr Polizisten, mehr Videoüberwachung

          Das klang, als habe die Vorgängerregierung nicht versucht, die Sicherheit in der Stadt zu verbessern. Dabei hatte Präsident Sarkozy genau jene Instrumente ausprobiert, die die Regierung Ayrault gerade wieder vorschlägt: mehr Polizisten und Gendarmen, mehr Videoüberwachung, die Einrichtung von Sondersicherheitszonen und einen neuen Polizeipräfekten. Drei Polizeipräfekten hatte Sarkozy verschlissen - ohne positive Auswirkungen auf die Kriminalitätsstatistik. „Ich bin weder der Erlöser noch Jesus Christus. Ich kann nicht allein die Schwierigkeiten einer verarmten Stadt lösen, die unter 50 Jahren Einwanderung und einer Banditentradition leidet“, bilanzierte Gilles Leclair, einer der abgesetzten Polizeipräfekten. Ein neuer Mann soll es richten, von Jean-Marc Ayrault persönlich ausgewählt. „Wir werden nicht kapitulieren“, sagte Justizministerin Taubira bei der feierlichen Einsetzung des Präfekten Jean-Paul Bonnetain diese Woche.

          Soziologen und Wirtschaftshistoriker bezweifeln, dass eine Sicherheitsoffensive die Probleme der Stadt lösen kann. Wenn die Polizei zehn Drogendealer festnimmt, rücken sofort zehn andere lungernde junge Leute aus den Sozialbausiedlungen nach. „Wir müssen aufhören zu glauben, dass die Kriminalität vom Himmel fällt“, sagt der Soziologe Laurent Mucchielli, der die Zusammenhänge zwischen Einwanderung und Kriminalität erforscht. Die im Norden gelegenen Stadtviertel, in denen die soziale Verwahrlosung besonders fortgeschritten ist, sind die Kriminalitätshochburgen von Marseille. Die Schauplätze der meisten Gewaltverbrechen sind deckungsgleich mit den sozialen Brennpunkten, die der Jahresbericht des „kommunalen Sozialzentrums“ aufführt.

          „Der Rauschgifthandel ist heute der größte Arbeitgeber“

          Im nördlichen XV. Arrondissement von Marseille beträgt die Arbeitslosenrate 26,8 Prozent, im südlichen VII. Arrondissement nur 9,9 Prozent. Die Zahl der Sozialhilfeempfänger (“RMI“) ist im Nordteil um das Achtfache höher als im Süden. 68 Prozent der Haushalte im VIII. Arrondissement entrichten Lohnsteuer, im XV. Arrondissement aber gerade 39 Prozent. In der im Norden gelegenen Sozialbausiedlung „Cité de la Castellane“ ist jeder zweite junge Franzose zwischen 18 und 24 Jahren arbeitslos gemeldet. 66 Prozent der Castellane-Bewohner zwischen 15 und 29 Jahren haben das Schulsystem ohne Abschluss verlassen.

          Weitere Themen

          Die wichtigsten Fragen am Wahltag

          Europawahl 2019 : Die wichtigsten Fragen am Wahltag

          Am Sonntag findet auch in Deutschland die Europawahl statt. Doch wer wird dabei überhaupt gewählt? Wie funktioniert das Wahlsystem? Und wann werden Ergebnisse veröffentlicht? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          Fundamentalopposition war einmal

          Die Linke in Bremen : Fundamentalopposition war einmal

          In Bremen wird gewählt, und die Linkspartei könnte hier erstmals im Westen an einer Regierung beteiligt werden. Dafür gibt sich die Partei staatstragend – doch wie hält sie es mit der Haushaltskonsolidierung in der verschuldeten Hansestadt?

          Union beendet Europawahlkampf Video-Seite öffnen

          Merkel ist auch da : Union beendet Europawahlkampf

          Beim Abschluss des Europawahlkampfs der konservativen EVP in München ist Bundeskanzlerin Angela Merkel mit von der Partie. Das jähe Ende der Koalition aus ÖVP und FPÖ in Österreich ist auch hier Thema.

          Topmeldungen

          Wahlkampfhilfe aus Thüringen: Ministerpräsident Bodo Ramelow greift Kristina Vogt, Spitzenkandidatin der Linken in Bremen, bei einem Wahlkampftermin im kleinen Stadtstaat unter die Arme.

          Die Linke in Bremen : Fundamentalopposition war einmal

          In Bremen wird gewählt, und die Linkspartei könnte hier erstmals im Westen an einer Regierung beteiligt werden. Dafür gibt sich die Partei staatstragend – doch wie hält sie es mit der Haushaltskonsolidierung in der verschuldeten Hansestadt?
          Bernd Lucke (l) und Hans-Olaf Henkel im Juli 2014 auf einer AfD-Pressekonferenz in Berlin

          FAZ Plus Artikel: Karriereende : Die AfD-Opas in Brüssel

          „Die Landschaft ist voller älterer Männer, die denken, ohne sie geht’s nicht“, sagt AfD-Mitgründer Hans-Olaf Henkel. Mit der Europawahl verlassen die letzten Abgeordneten aus der Gründergeneration der Partei das Europaparlament. Was bleibt?
          Russischer Präsident Putin: Nach Einschätzung der EU hat vor der Europawahl keine „massive, besonders hervorstechende Kampagne wie bei der amerikanischen Präsidentenwahl 2016“ stattgefunden

          Desinformationskampagnen : EU hält sich für besser geschützt

          Eine Sondereinheit des Auswärtigen Dienstes in Brüssel beobachtet russische Medien. Sie hat keinen großangelegten Angriff vor der Europawahl ausgemacht – und sieht Fortschritte im Kampf gegen Manipulationsversuche.

          Bayern-Sieg im DFB-Pokal : Geballte Münchner Klasse

          Nach dem Meistertitel in der Fußball-Bundesliga sichert sich der FC Bayern nun das Double. Die Münchner setzen sich im Pokalfinale gegen RB Leipzig durch. Vorstandschef Rummenigge bestätigt anschließend: Trainer Kovac bleibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.