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Kroatiens EU-Beitritt : Berge, Täler - und Neum

„Unsere Politiker sind so“

Ein Scherz, fügt die Empfangskroatin eilig hinzu, aber es ist nicht nur ein Scherz. Wenn die Menschen in Neum „wir“ sagen, meinen sie nicht das ungeliebte Bosnien, sondern erstens Dalmatien und zweitens Kroatien. Da fast alle Kroaten in Bosnien kroatische Pässe haben, hat die EU am vergangenen Montag nicht nur Kroatien aufgenommen, sondern auch die bosnischen Kroaten. Eigentlich sollte Mirko Pavlovic, Vorsitzender des Stadtrats von Neum und Mitglied der Partei „Kroatische Demokratische Gemeinschaft“ mehr davon erzählen. Am Telefon hatte er noch zugesagt, doch nun will er nicht mehr.

„Kann nicht antworten, bin in Sitzung. Melde mich später“, smst er auf die erste Anfrage noch zurück. Danach antwortet er drei Tage gar nicht mehr. Auch Bürgermeister Živko Matuško ist nicht zu einem Interview bereit, er hat angeblich keine Zeit. Das müsse einen nicht wundern, sagt ein Geschäftsmann aus Neum. „Unsere Politiker sind so. Sind nie aus Neum herausgekommen, höchstens bis Zagreb. Sie misstrauen Ausländern“, sagt der Unternehmer und bittet, seinen Namen nicht zu nennen, denn Neum hat nur 5.000 Einwohner.

Ivan Stankovic will reden. Er sitzt für eine lokale Oppositionspartei im Stadtrat, es ist sein zweites Mandat. Stankovic, Jahrgang 1964, hat im Bosnienkrieg auf kroatischer Seite gekämpft, auch er meint Kroatien, wenn er „wir“ sagt - aber er macht sich Sorgen um das Zagreber Brückenprojekt: „Kroaten auf der Durchreise kaufen Zigaretten und Benzin in Neum, weil das bei uns billiger ist, davon leben wir. Wenn die Brücke kommt, kauft hier niemand mehr.“ Ähnlich ist es mit der Gastronomie. In Neums Tavernen gibt es Seedatteln, auch Steinbohrermuscheln genannt.

Was soll nur aus dem Tourismus werden? Blick auf die Bucht von Neum
Was soll nur aus dem Tourismus werden? Blick auf die Bucht von Neum : Bild: Nick Hannes/Reporters/laif

Der Verzehr dieser vom Aussterben bedrohten Muschelart, die sich über Jahrzehnte in Gestein und Korallensediment bohrt, ist in der EU verboten. In Kroatien bieten manche Wirte vertrauten Gästen dennoch Seedatteln an, unter der Hand und zu horrenden Preisen. Werden sie ertappt, sind hohe Strafen fällig. „Prstaci? Ne Hvala!“ („Seedatteln? Nein Danke!“) lautet das Motto einer Regierungskampagne in Zagreb. Regelmäßig berichten die Zeitungen von ausgehobenen Seedattel-Schmugglerbanden.

Da lohnt sich für gewissenlose Gourmets eine Reise nach Neum - dort stehen Steinbohrermuscheln offiziell auf den Speisekarten, denn in Bosnien ist es nicht verboten, sie anzubieten. „Wenn es keinen Transitverkehr mehr gibt, können wir Neum gleich schließen. Die jungen Leute gehen ja sowieso schon weg“, sagt Stankovic. Er weiß das aus der eigenen Familie. Seine Tochter wird bald in Zagreb Medizin studieren. „Ich glaube nicht, dass sie zurückkommt“, vermutet ihr Vater.

„Was sollen Studierte hier auch machen? In Neum gibt es Arbeit für Händler, Köche, Kellner und Gastwirte“, sagt Ivan Pulic, seit 19 Jahren Pfarrer im Ort. „Was uns rettet, ist die Lage zwischen Split und Dubrovnik“, findet auch er. Über seine Schäfchen kann der Pfarrer nicht klagen, höchstens fünf Prozent gingen nie in die Kirche, zu den drei sonntäglichen Gottesdiensten kämen stets an die tausend Gläubige. In der Westhercegovina ist der Katholizismus noch eine feste Größe. Die andere ist das Kroatentum. Zur Entbindung gehen die Frauen aus Neum lieber nach Dubrovnik statt in die hercegovinische Hauptstadt Mostar, „obwohl die Klinik dort im kroatischen Teil der Stadt ist“, sagt Pfarrer Pulic.

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