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Kritik an Europa : Papst Franziskus ist ungerecht

Franziskus im Europäischen Parlament neben EU-Parlamentspräsident Martin Schulz Bild: Reuters

Der Papst hat ein paar Fragen aufgeworfen: Ist Europa wirklich eine ausgezehrte Großmutter? Vereinsamen die Europäer, werden sie wie Konsumgut behandelt? Europa hat eine Gegenrede verdient – und Franziskus auch. Ein Kommentar.

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          Es waren harte Worte, die am vergangenen Dienstag durch das Europäische Parlament in Straßburg hallten. Gealtert sei Europa, sagte der Gast, ausgezehrt und müde wie eine Großmutter. Die Menschen seien vereinsamt, sie frönten einem rücksichtslosen Egoismus und einer unmenschlichen Wegwerfkultur. Von anderen werde Europa mit Kühle, Misstrauen und Argwohn betrachtet. Solche Töne sind nicht völlig neu im Parlament, seit dort Politiker sitzen, denen die Europäische Union als Irrweg der Geschichte erscheint. Aber diesmal sprach kein Abgeordneter von Ukip oder vom Front National, keiner, der gewählt worden war, um denen in der EU mal richtig einzuheizen. Diesmal sprach ein Erwählter: der Papst.

          Man weiß inzwischen, dass Franziskus ein Freund der deutlichen Aussprache ist. Er nimmt wenig Rücksicht auf seine Zuhörer und spitzt zu, wo es nur geht. Es hat ja auch etwas Erfrischendes, zumal seine Sprache auch Leute erreicht, die nicht Theologie studiert haben. Und natürlich steht nirgendwo geschrieben, dass ein Papst Sonntagsreden zu halten hat, wenn er im Europäischen Parlament spricht. Wo, wenn nicht dort, wäre der Ort, um über die Verfassung Europas zu streiten?

          Tatsächlich aber erhoben sich die Abgeordneten sämtlicher Fraktionen von ihren Sitzen und applaudierten dem Gast aus Rom, als hätten sie nie eine schönere Rede gehört. Martin Schulz, der als Parlamentspräsident den Papst eingeladen hatte, schloss aus dem Beifall, dass der Gast „vielen, wenn nicht allen aus dem Herzen gesprochen hat“. Es sei doch „eine große Ermutigung, auf dem Weg voranzuschreiten, den die EU beschritten hat“. Franziskus sah betreten zu Boden. Einmal lächelte er gequält.

          Eine ungerechte Rede

          Martin Schulz ist ein Politprofi. Er legt sich mit Silvio Berlusconi an, aber nicht mit dem Papst. Den Papst bringt man am besten zum Schweigen, indem man ihn umarmt und lobt. Guy Verhofstadt, der Fraktionschef der Liberalen im Parlament und frühere belgische Ministerpräsident, versteht sich auch auf diese Taktik. Er stimme ganz mit Franziskus überein, sagte Verhofstadt hinterher, Europa brauche wirklich mehr Dynamik und müsse überflüssige Hindernisse beseitigen, um sein Wachstum anzukurbeln. Der Papst hatte das Gegenteil im Sinn.

          Wir könnten den Mann aus Rom jetzt also auch für seine Weitsicht loben, für seine Offenheit und seine moralische Klarheit. Doch er hat es besser verdient: Franziskus verdient Widerspruch. Seine Rede war nicht ermutigend, sondern ungerecht. Der Papst zeichnete ein Zerrbild von Europa, so dass man sich wundern muss, ob er überhaupt verstanden hat, was Europa für das Christentum bedeutet und das Christentum für Europa.

          Die Norm sieht anders aus

          Es stimmt natürlich, dass Europa nicht mehr das Zentrum der Welt ist. Es stimmt auch, dass die Europäer im Verhältnis zur Weltbevölkerung weniger werden und obendrein immer älter. Aber was ist eigentlich so schlimm daran? Die Menschheit oder auch nur das Christentum sterben deshalb ja nicht aus. Dass Europäer immer länger leben, ist vor allem eine kulturelle Leistung. Heute beträgt die Lebenserwartung eines Europäers mehr als achtzig Jahre, doppelt so viel wie Ende des 19. Jahrhunderts. Möglich wurde das wegen gewaltiger Sprünge bei der öffentlichen Gesundheitsvorsorge und beim Arbeitsschutz. Europa steht – gerade im Vergleich mit anderen Weltregionen – für ein Modell sozialer Befriedung, das die Würde des  Menschen achtet und schützt. Man kann es auch so sagen: Zu Großeltern wurden die Europäer überhaupt nur, weil sie die christliche Botschaft in eine soziale, politische und rechtliche Ordnung übersetzt haben.

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