https://www.faz.net/-gpf-77tb3

Krise in Zypern : Denn sie wissen nicht, was sie tun sollen

Noch gibt es Scheine an den Bankautomaten in Nikosia - auch dank Hilfe der EZB Bild: AP

Dem Jubel über den Widerstand der Abgeordneten gegen die Sparer-Zwangsabgabe folgt in Nikosia Ernüchterung. Der Kollaps des zyprischen Bankensystems soll nun auch mit russischer Hilfe vereitelt werden - aber wie?

          Nach dem Widerstand der Abgeordneten kam der Jubel des Volks - und dann die Ernüchterung. Eben noch kannten Zyperns Parlamentarier keine Staatsbürger mehr, sondern nur noch Kontoinhaber. Doch kurz nach diesem Triumph kam die Frage zurück, wie es nun weitergehen solle. Am Mittwoch schien alles und nichts möglich.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Zumindest wurde über alles spekuliert. Neuverhandlungen mit den Partnern in der Eurozone, eine größere Rolle Russlands, Austritt aus der EU. Sicher schien nur, dass die von wem auch immer ersonnene Zwangsabgabe von bis zu zehn Prozent auf Guthaben bei den zyprischen Zombie-Banken, die seit Monaten nur noch durch von der Europäischen Zentralbank gewährte Nothilfen vor dem Zusammenbruch bewahrt werden, in ihrer ursprünglichen Form keine Chance hat, vom Parlament in Nikosia gebilligt zu werden.

          Selbst eine von der Regierung des Staatspräsidenten Nikos Anastasiadis in letzter Minute gezimmerte Neuversion, mit der Guthaben von bis zu 20.000 Euro ungeschoren davongekommen wären, hatte die Stimmung nicht mehr ändern können. Beschließe das Parlament die Enteignung von Kontoinhabern, sei dies das Ende des Finanzplatzes Zypern, hatten mehrere Abgeordnete gesagt. Doch dieses Ende scheint ohnehin kaum vermeidlich.

          Krisensitzung: Der zyprische Präsident Nicos Anastasiades (l.) empfängt führende Politiker und Bankchefs des Landes

          „Weg von Schäuble, zurück zum zyprischen Pfund!“

          Zumindest innerhalb der EU wird Zypern sein Geschäftsmodell - niedrige Unternehmenssteuersätze bei vergleichsweise hohen Zinsen und wenig Fragen nach der Herkunft des Geldes - schwerlich aufrechterhalten können. Einige zyprische Wirtschaftsfachleute (Universitätsdozenten, Talkshowdauergäste, Politiker von links wie rechts) haben deshalb schon eine neue Parole ausgegeben: Weg von Schäuble, zurück zum zyprischen Pfund!

          Damit verlören die Kontoinhaber allerdings weitaus mehr als zehn Prozent ihrer Guthaben - jedenfalls dann, wenn die mit dem deutschen EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen verbundene Drohung einer Kappung der Nothilfe für zyprische Banken so ernst zu nehmen ist, wie sie zumindest zu Wochenbeginn noch geklungen hatte.

          Kündigt die EZB ihre Genehmigung für solche Hilfen auf, wäre ein Kollaps des zyprischen Bankensystems die Folge. Dass die Banken ihren Geschäftsbetrieb überhaupt noch aufrechterhalten konnten, liegt nämlich nur an einem Instrument, das sich nach dem Akronym seiner englischen Bezeichnung ELA nennt. Ohne diese „emergency liquidity assistance“ (Notfall-Liquiditätsunterstützung) gäbe es schon längst keine Euro mehr auf Zypern - jedenfalls nicht aus dem Bankautomaten.

          Bankautomaten werden weiter versorgt

          Noch aber gibt es ELA, und der zyprische Bankenverband versicherte am Mittwoch, es würden „alle Anstrengungen“ unternommen, um die Bankautomaten weiterhin mit Scheinen zu versorgen. Zugleich machten Gerüchte die Runde, die Banken verhandelten mit Sicherheitsfirmen, um für den Tag der Wiedereröffnung ihrer Filialen - laut zyprischer Zentralbank frühestens am nächsten Dienstag - kräftiges Personal zu haben, das für Ruhe und Ordnung sorgt.

          Derlei Aussichten verleiteten einen zyprischen Leitartikler am Mittwoch zu dem sarkastischen Ratschlag, dass die Abgeordneten vor einer möglichen nächsten Abstimmung die russischen Oligarchen vielleicht besser fragen sollten, ob sie lieber zehn oder hundert Prozent ihres Geldes verlieren wollen. Vielleicht fiele den gescheiten Genossen Oligarchen ja eine Antwort auf diese schwierige Frage ein, mutmaßte der Kommentator. Alle rechnen damit, dass Unternehmen und reiche Anleger, die noch Geld auf Zypern haben, ihr Geld abziehen werden, sollten die ziemlich ausgedehnten Bankfeiertage auf Zypern eines Tages ein Ende nehmen. Es handelt sich um beeindruckende Summen. Laut Angaben der Ratingangentur Moody’s haben russische Großunternehmen und Privatanleger noch immer Guthaben von insgesamt etwa 31 Milliarden Euro auf zyprischen Konten.

          Weitere Themen

          Im Land der 120 Putins

          Russische Israelis : Im Land der 120 Putins

          Mehr als zehn Prozent der Wahlberechtigten in Israel sprechen Russisch. Der wachsende Einfluss der orthodoxen Juden bereitet ihnen Sorgen – für Benjamin Netanjahu ist das keine gute Nachricht.

          Topmeldungen

          Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

          Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

          Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.
          Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

          F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

          Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.