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Flüchtlingskrise : Es gibt keine Zauberformel

Die Empörung über die jüngsten Tragödien ist verständlich und richtig. Aber angesichts der großen Völkerwanderung dieser Tage trägt sie nicht weit. Denn in Wahrheit gelangt man in der Flüchtlingskrise von einem Dilemma zum nächsten.

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          Es ist entsetzlich: 71 Menschen, mutmaßlich Syrer, sind in einem Kühlwagen erstickt; sie hatten sich Schleusern anvertraut, die sie nach Österreich oder nach Deutschland bringen sollten. Vor der libyschen Küste sind wieder Schiffe gekentert; sie waren vollbesetzt mit Menschen, die (zunächst) nach Italien wollten. Von 200 Ertrunkenen ist die Rede. Wie oft wurde in den vergangenen Monaten nicht von gekenterten Schiffen und Booten berichtet? Und jetzt der grausige Fund im Burgenland! Wir sind entsetzt, und wir sind empört über die Skrupellosigkeit von Leuten, die die Not von Menschen ausnutzen, die vor Kriegsgeschehen auf der Flucht waren, und die daraus ein Milliardengeschäft machen. Diesen Verbrechern muss das Handwerk gelegt werden.

          Aber angesichts der großen Völkerwanderung dieser Tage ist Empörung über die jüngsten Tragödien eine Reaktion, die, so verständlich und richtig sie ist, nicht weit trägt. Denn Ehrlichkeit gebietet es, sich einzugestehen, dass es keine Zauberformel gibt, um die Flüchtlingskrise schnell zu entschärfen, den Ansturm zu verringern, gleichzeitig die Not der Flüchtenden zu mildern und die Ursachen der Flucht zu bekämpfen. Und es gibt ja auch die Armutsmigration. Sowenig der Krieg in Syrien abgeschaltet werden kann, so wenig werden sich die Lebensumstände auf dem Balkan so ändern, dass junge Leute bleiben wollen.

          In Wahrheit gelangt man von einem Dilemma zum nächsten. Die Außengrenzen müssen besser gesichert werden, richtig, Anlaufstellen seien zu schaffen. Ergebnis? Sie werden wirken wie riesige Magneten. Schleuser sollen bekämpft werden, richtig, siehe oben. Bislang wird das oft so getan, dass Retter zu Komplizen werden.

          Und: Flüchtlinge sollen würdig und menschlich behandelt werden. Was denn sonst? Aber faktisch verwenden die Europäer viel (innen-)politische Energie darauf, wie die Zahl der bei ihnen Ankommenden möglichst klein gehalten werden kann; das ist der Kern des Verteilungsstreits in der EU. Bürger und Politiker müssen Anstand bewahren, sie dürfen sich nicht überwältigen lassen. Doch machen wir uns nichts vor: Die Vorstellung, der halbe Nahe Osten und Teile Afrikas siedeln um nach Westeuropa, lässt schon ein Gefühl der Bedrückung zurück. In jeder Hinsicht.

          Klaus-Dieter Frankenberger
          Redakteur in der Politik.

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