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Cameron und EU-Gipfel : Auf Trophäenjagd in Brüssel

Last von den Schultern nehmen

Cameron hat die Hoffnung aufgegeben, dass seine Regierung geschlossen für einen Verbleib in der EU werben wird. Aber er kämpft um jeden einzelnen Verbündeten. Täglich filmen Kameras in Downing Street, wie Minister, Staatssekretäre und andere Tory-Schwergewichte die schwarze Tür mit der Nummer zehn hinter sich zuziehen und den Premierminister zum Vieraugengespräch treffen. Große Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf Boris Johnson, den Noch-Bürgermeister von London.

Am Mittwoch erschien der wohl berühmteste Hinterbänkler des Unterhauses – um keine Inszenierung verlegen – als Winterwanderer und klopfte mit Anorak, Wollmütze und Rucksack an Camerons Tür. Vierzig Minuten dauerte die Unterredung. Ob der populäre Tory für „Bleiben“ oder „Gehen“ plädieren wird, ist eine derart leidenschaftlich diskutierte Frage, dass sich ihrer sogar die Buchmacher angenommen haben. Eine Mehrheit der Wetter glaubt, dass Johnson am Ende für einen Verbleib in der EU eintreten wird, was Cameron so viel Last von den Schultern nähme, dass er seinen Parteifreund wohl mit einem herausgehobenen Ministerposten belohnen würde.

„Sich mit anderen Nationen zu gemeinsamen Aktionen zusammenzutun“

Die Minister, die um jeden Preis aus der EU austreten wollen, hält es derweil kaum noch in ihren Sesseln. Ein Ukas des Regierungschefs verpflichtet sie, sich nicht vor dem Ende des Brüsseler Gipfels zum Thema zu äußern, genauer: erst nachdem Cameron das Kabinett über seine Verhandlungen informiert hat. Damit wollten die (vermutlich drei bis sechs) EU-Feinde im Kabinett nicht einmal bis Montag warten, und so zwangen sie Cameron, eine Sondersitzung noch am Freitag, unmittelbar nach dem Gipfelende, anzuberaumen. Es geht ihnen nicht nur darum, endlich den europäischen Maulkorb abzuschnallen. Ihr Ziel ist auch, dem „In“-Lager keinen taktischen Vorteil zu gewähren: Cameron hätte schließlich das ganze Wochenende nutzen können, um die „In“-Kampagne zu starten, ohne dass er mit Widerspruch von gewichtiger Seite hätte rechnen müssen.

Hängt der Union Jack  bald wieder allein?

Wie überreizt das politische Klima kurz vor dem Gipfel ist, macht die Reaktion auf eine eher harmlose Rede des Herzogs von Cambridge deutlich. Prinz William, Nummer zwei in der britischen Thronfolge, hatte am Dienstag im Londoner Außenministerium das Königreich als „nach außen blickendes Land“ bezeichnet und dessen Fähigkeit betont, „sich mit anderen Nationen zu gemeinsamen Aktionen zusammenzutun“. Es war ein Allgemeinplatz, vorgetragen auf einer sicherheitspolitischen Veranstaltung, und das Wort Europäische Union fiel kein einziges Mal – aber weite Teile der britischen Öffentlichkeit sahen sich als Zeuge einer ungeheuerlichen Einflussnahme des Königshauses zugunsten Brüssels.

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