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Jugendliche in Kroatien : Kleines Land - was nun?

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Vom Dolac sind es drei Schritte hinunter auf den Ban-Jelačić-Platz, Zagrebs Hauptplatz. Wer sich am Abend in der Stadt auf einen Drink verabredet, trifft sich hier um das Denkmal des Fürsten Josip Jelačić, eines kroatischen Nationalheldes. Sobald es dunkel wird, flanieren die Zagreber auf dem erleuchteten Platz. Spazieren, um zu sehen und gesehen zu werden. Die jungen Frauen lassen High Heels und Wedges unter plissierten asymmetrischen Röcken hervorblitzen, wie es die spanischen Modeketten Mango und Zara in diesem Jahr als Trend vorgeben.

Die Wirtschaft und die langen Röcke

Je schlechter die Wirtschaft, desto länger die Röcke, sagt Ana Josipović. Gemäß einem alten Sprichwort wollten die Mädchen damit zeigen, dass sie das Geld für den Stoff haben, sagt sie. Dann streicht Josipović ihren bestickten Minirock glatt. Mit ihrer Schwester Slavica hat sie gut zwei Jahre ein Modemagazin herausgegeben, bis der Verlag es wegen der Wirtschaftskrise einstellen musste. Seit Mai haben die Schwestern sich mit einem eigenen Modeblog selbständig gemacht. Dort zeigen sie Fotos aus Zagreb neben Aufnahmen aus London, Berlin oder Stockholm. „Über Mode zu schreiben heißt, über unser Leben hier zu schreiben“, sagt Slavica Josipović. Sie hatte jahrelang als Redaktionsleiterin bei der kroatischen „Cosmopolitan“ gearbeitet und bringt sich gerade selbst das Programmieren bei. Krise ist für sie ein Synonym für Chance. Als Anfang der neunziger Jahre der Krieg ausbrach, zog sie nach London. Sie konnte kein Wort Englisch, brachte sich damals die Sprache selbst bei. Wenn sie spricht, ist der britische Akzent nicht zu überhören.

Große Pläne: Die Schwestern Slavica (links) und Ana Josipović mit dem Fotografen Goran Ćižmesija (Mitte)

In der britischen Hauptstadt lernte sie Flüchtlinge aus allen Teilen des zerfallenden Jugoslawiens kennen. Der Krieg kam nicht bis nach London. „Eine kroatische Freundin heiratete einen Jungen aus Serbien. Das interessierte dort überhaupt keinen“, sagt sie. Genauso liberal ist ihre Einstellung zum EU-Beitritt: „Wenn ich mir Europa bei Google Maps ansehe, dann sind wir doch alle nur kleine Punkte auf dieser Karte. Nationalitäten gehören der Vergangenheit an, darüber sollten wir hinwegkommen.“

Auch sie hofft, dass die kroatische Regierung und Verwaltung sich durch den EU-Beitritt reformieren werden. Gerade als sie beginnt, sich über die Korruption des ehemaligen Ministerpräsidenten aufzuregen, zupft der Fotograf Goran Ćižmesija sie leicht am Ärmel und nickt zum Nachbartisch. Sie verstummt. Die Tochter des besagten ehemaligen Ministerpräsidenten sitzt dort mit Entourage und schüttelt ihre blondierte Mähne. „Wir sind ein sehr kleines Land“, sagt Slavica Josipović und lächelt spitz. Gerade mal vier Millionen Einwohner hat Kroatien. Was sie davon hält, dass so viele junge Kroaten ins Ausland wollen? „Sie sollen gehen“, sagt Josipović. „Sie sollen Erfahrungen sammeln, die sie hier nicht machen könnten, und dann sollen sie mit ihrem Wissen zurückkommen. Dieses Land braucht mutige junge Menschen, die die Dinge anders anpacken.“

Die Recherchereise für „Kleines Land – was nun?“ wurde von der Robert Bosch Stiftung im Rahmen des Förderprogramms „Journalisten vor Ort“ gefördert.

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