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Jugendliche in Kroatien : Kleines Land - was nun?

  • -Aktualisiert am

Im Bus von der neuen Grenze zur alten

Die Fahrt in die Hauptstadt dauert fünf Stunden. Es ist eine Fahrt von der neuen EU-Außengrenze zur alten. Die ersten drei Stunden klappert der Bus jeden größeren Ort im ländlichen Slawonien ab. Wie Perlen auf einer Schnur reihen sich die Häuser entlang der Hauptstraße. Dahinter liegt Ackerland. Zwischen den Dörfern wechseln Mais- mit Sonnenblumenfeldern. Keine Industrie weit und breit. Slawonien lebt von der Landwirtschaft, und von der Landwirtschaft lässt sich schlecht leben. In einigen Dörfern haben die Bauern ihre Traktoren mit Transparenten behängt. Sie protestieren gegen die sinkenden Preise ihrer Produkte. Dann fährt der Bus auf die Autobahn. Die Felder gehen am Horizont in sanfte Hügel über. Im Tal liegt Zagreb, nur noch 30 Kilometer von Slowenien entfernt. Bis zum 1. Juli endete die EU in den Wäldern vor der Hauptstadt.

Um seine Regionen an die Standards der Nachbarländer anzugleichen, bekam Kroatien als EU-Beitrittskandidat Gelder aus den EU-Fonds. Die Gemeinden und Städte konnten sich mit Projekten an den Ausschreibungen um diese Gelder bewerben. Eine, die diese Anträge fünf Jahre lang bewertet hat, ist die Verwaltungsangestellte Iva Śterc. Nun hat sie ihre Kündigung eingereicht. Es sei gerade der perfekte Zeitpunkt dafür, sagt sie. Selbstverwirklichung nennt sie als einen Grund. Ursprünglich wollte Śterc direkt nach dem Studium ins Ausland gehen und sich durch einen Postgraduierten-Abschluss weiterqualifizieren. Stattdessen bekam sie das Angebot, für die Regierung zu arbeiten. „Im Gegensatz zu all meinen Freunden mit Uni-Abschluss hatte ich überhaupt Arbeit“, sagt sie. Außerdem sei das Gehalt annehmbar gewesen. Das Durchschnittseinkommen in Kroatien liegt bei rund 700 Euro, Śterc verdiente etwas unter 1000 Euro. Ist Selbstverwirklichung wirklich der einzige Grund, einen solchen Job aufzugeben? Iva lächelt leicht verbittert. „Korruption“, sagt sie. Das sei der zweite.

Ist die Korruption leid: Iva Sterc

Sie hält kurz inne, dann erzählt sie, wie ein Bürgermeister bei ihr anrief und sie bat, seine Projektbewerbung noch einmal zu betrachten. Wie wenig später auch von höherer Stelle aus dem Ministerium ein Anruf kam: ob man diese oder jene Bewerbung nicht noch einmal überdenken könne. Wie die Freundin, mit der sie gleichzeitig die Arbeit aufnahm, die „richtigen Leute“ kannte und wenig später eine bessere Stelle bekam. Mittlerweile ist sie Śtercs Vorgesetzte. Die beiden sind nicht mehr befreundet.

Korruption habe sich seit dem Krieg Anfang der neunziger Jahre in der kroatischen Gesellschaft festgesetzt. Nur ein Mentalitätswandel könne das ändern, sagt Śterc, und den sieht sie nicht kommen. „Das soll die nächste Generation machen, ich geb’ auf, ich verlasse das Land“, sagt sie. Śterc ist erst 32 Jahre alt. Sie schwärmt von Deutschland, von Ordnung und von Regeln. Sie schwärmt von allem, was man im Ausland den Deutschen so zuschreibt. Śterc schwärmt sogar von den deutschen Behörden, in denen man eine Nummer ziehen müsse und dann geordnet aufgerufen werde. Sie macht einer älteren Frau Platz, die in einer Mülltonne wühlt. Für jede Plastikflasche gibt es zwei Kuna Pfand, knapp 30 Cent. Die Durchschnittsrente in Kroatien beträgt weniger als 300 Euro. Plakate entlang einer großen Straße werben für Sonderangebote. Bei Lidl steht „Welcome to EU“ an der Einfahrt.

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