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Jean-Claude Juncker : Mit vollem Körpereinsatz

  • -Aktualisiert am

Voller Einsatz: Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras und Jean-Claude Juncker Bild: Reuters

Keiner macht mit so viel Körpereinsatz Politik wie Jean-Claude Juncker. Wer ihm unterkommt, wird angefasst. Das sieht witzig aus. Aber es geht nicht nur um Spaß. Durch Körperlichkeit ordnet Juncker Machtverhältnisse.

          Letzten Montag traten Jean-Claude Juncker und Alexis Tsipras vor die Kameras. Sie gaben sich die Hand, lächelten, und Juncker verpasste Tsipras eine Ohrfeige. Eine „Batsch“, sagt man dazu in Luxemburger Mundart. Das Foto war in allen Zeitungen.

          Juncker macht das gerne, er ohrfeigt, er drückt, er würgt, er küsst. Er fasst einfach gerne Leute an. Es gehört zu seinem Stil, zu seinem Umgang mit Kollegen. Vergangenen Mai trafen die europäischen Staatschefs einander in Riga zum „Gipfeltreffen der Östlichen Partnerschaft“. Vor allem eine Szene ist in Erinnerung geblieben: Juncker stand gemeinsam mit Donald Tusk und der lettischen Ministerpräsidentin vor den Kameras, um die Gäste des Gipfels zu begrüßen. Als der Ungar Viktor Orbán an der Reihe war, sagte Juncker für alle hörbar: „Der Diktator kommt.“ Orbán begrüßte zunächst Tusk. Dann hielt er Juncker die Hand hin. Der hob seine hoch, als wolle er Orbán den Handschlag verweigern – für einen Moment sah es aus wie der Hitlergruß. Juncker begrüßte Orban abermals mit „Diktator“, dann schlug er seine Hand feste in Orbáns, lachte und verpasste ihm, – Kapäng! – eine ordentliche Backpfeife.

          Körperlichkeit ordnet Beziehungen

          Warum macht Juncker so etwas? Die erste und einfachste Erklärung: Ihm ist langweilig. Die Szene mit Orbán ist nur ein Augenblick einer sehr langen Veranstaltung. Ein Video zeigt das gesamte Defilee, so heißt das Vorbeigehen der Gäste an den Gastgebern solcher Gipfel. Juncker muss nicht nur alle 28 Staatschefs begrüßen, sondern auch die Kommissare und verschiedene Beamte der EU-Institutionen. Außerdem muss er mit jedem für ein Foto posieren. Das Ganze dauert fast eine Stunde. In einem Moment, in dem der nächste Gast auf sich warten lässt, dreht sich Tusk zu Juncker und sagt auf Deutsch: „Das ist langweilig.“ Juncker nickt: „Sehr.“ Juncker vertreibt sich mit seinen Späßchen die Zeit.

          Das ist nicht der einzige Grund. Juncker ist schon sein ganzes Leben in der Politik. Die meisten Staatschefs und Beamten kennt er schon sehr lange. Anhand der Berührung ordnet und pflegt er seine Beziehungen zu ihnen. Jede Begrüßung ist einzigartig, jeder Gast bekommt eine eigene Behandlung: Der luxemburgische Außenminister wird geohrfeigt, der italienische Ministerpräsident ein wenig geschubst, der französische Premierminister herzlich umarmt. Einem Kommissar richtet er die Krawatte, den belgischen Premierminister küsst Juncker auf die Glatze. Bei einem anderen Glatzkopf versucht er es – vergeblich. Er ist zu groß. Die deutsche Kanzlerin bekommt ein Küsschen links, ein Küsschen rechts, das war’s.

          Wenn Juncker jemanden nicht kennt – oder nicht kennen will –, dann spielt er auch nicht rum. Als ein kleiner, dicker Mann zur Begrüßung vortritt, bleibt Juncker ruhig und höflich. Er gibt dem Mann die Hand und stellt sich für ein Foto neben ihn, aber ohne ihn anzufassen. Als der Mann weg ist, dreht sich Juncker zu Tusk: „Wer war das?“ Tusk weiß es nicht.

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