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Im Gespräch: Enda Kenny : „Wir sollten alle Möglichkeiten des jetzigen Vertrags ausreizen“

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Wenn das in der ganzen EU geschieht, sehe ich darin kein Problem. Aber nur in der Eurozone, das geht nicht: Wenn in Dublin eine Steuer erhoben wird, die es in London nicht gibt, dann erleiden wir einen massiven Nachteil.

Versuchen Sie, den britischen Premierminister von der Steuer zu überzeugen?

Ich habe Premierminister Cameron gesagt, dass ich nur dafür bin, wenn es alle Staaten machen.

Sie wollen die Steuer gar nicht, oder?

Ich würde mich nicht gegen eine Steuer wehren, die in der ganzen EU gilt. Aber wir können uns nicht in der Eurozone in eine solch nachteilige Lage bringen. Das würde allen schaden.

Teilen Sie Camerons Sorgen vor einer tiefer werdenden Kluft zwischen den Euroländern und den anderen EU-Staaten?

Es ist doch klar, dass die Eurogruppe Regeln haben und befolgen muss, die die Währung betreffen. Aber dabei dürfen wir den anderen EU-Staaten nicht in die Quere kommen.

Sollte ein Land die Eurozone verlassen können?

Die Frage sollte lauten: Wie lauten die Bedingungen, um der Eurozone beizutreten, und wie streng werden sie befolgt?

Wie sehen Sie Camerons Versuch, die Krise zu nutzen, um gewisse Kompetenzen von Brüssel zurückzuholen?

Der Premierminister ist natürlich mit vielen Kritikern seiner Europapolitik auch in der eigenen Parlamentsfraktion konfrontiert. In Großbritannien gibt es ja nicht Referenden wie bei uns, da spielen sich die Debatten eben im Parlament ab.

Sind nicht viele Iren derselben Meinung wie die britischen Europaskeptiker?

Mindestens 80 Prozent unserer gewählten Politiker unterstützen den europäischen Prozess. Als die Iren beim zweiten Anlauf den Lissabon-Vertrag billigten, taten sie das, obwohl die damalige Regierung das Land schlecht führte. Aber die Wähler wussten zu unterscheiden und haben nicht gegen "Lissabon" gestimmt, nur weil sie sauer auf die Regierung waren. Die haben sie später einfach abgewählt.

Teilen Sie Frau Merkels Sorge, dass Europa scheitert, wenn der Euro scheitert?

Scheitert der Euro, dann löst sich die Union auf, zweifellos. Da trotz des vielen Geldes, das wir in die Rettung des Euro schon gepumpt haben, unsere Versuche zur Stabilisierung der Eurozone noch nicht geklappt haben, stellt sich die Frage, ob die Eurozone das allein schafft oder ob alle 27 Staaten aktiv werden müssen.

Die irische Wirtschaft wächst wieder, aber der Schmerzensweg der Sparpolitik ist noch lang. Ist dies ein verlorenes Jahrzehnt?

Wir haben viel verloren, aber das nächste Jahrzehnt gehört der Zuversicht.

Viele Iren verlassen das Land ...

Ja, leider. Junge Leute wollen eben nicht herumhängen, sondern da sein, wo etwas los ist. Wir würden uns wünschen, wir könnten ihnen mehr Gründe geben, in ihrer Heimat zu bleiben. Aber jetzt zieht der Export fest an. Als nächstes müssen wir die Binnennachfrage stärken. Dafür war die Restrukturierung und Rekapitalisierung der Banken nötig, das haben wir geschafft. Wir wollen auch Mikrokredite vergeben, um neue Kleinstbetriebe zu fördern. Wir wollen mehr Bürokratie abbauen. Kommissionspräsident Barroso hat ja gesagt, man müsse in der EU innerhalb von drei Tagen mit 100 Euro Startkapital ein Unternehmen gründen können. Wir haben viele Reformen geschafft. Wenn wir das Bail-out-Programm hinter uns haben, sind wir gut aufgestellt.

Was können die Griechen von Ihnen lernen?

Ich beneide die Griechen nicht. Die haben bestimmt noch 15 entbehrungsreiche Jahre vor sich. Irland steuert in eine ganz andere Richtung.

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