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Guy Verhofstadt : Der Geist von 1957

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Die europäischen Gründungsväter haben vor mehr als 50 Jahren Mut und Weitsicht bewiesen. Das Scheitern der Verteidigungsgemeinschaft wollten sie nicht so einfach hinnehmen. Es kam zu der politisch geschickten und strategisch wichtigen ...

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          Die europäischen Gründungsväter haben vor mehr als 50 Jahren Mut und Weitsicht bewiesen. Das Scheitern der Verteidigungsgemeinschaft wollten sie nicht so einfach hinnehmen. Es kam zu der politisch geschickten und strategisch wichtigen Entscheidung, auf einem gangbaren Weg voranzukommen, ohne das grundlegende Ziel einer immer engeren Union der Völker aufzugeben. Der Wert von Verträgen erweist sich nicht bei der Unterzeichnung, sondern erst später. Sie können jedoch, wie dies besonders für die Römischen Verträge gilt, Ausgangspunkt bedeutsamer Entwicklungen sein.

          Niemand konnte an jenem denkwürdigen Tag vorhersagen, welche Perspektive die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die Europäische Atomgemeinschaft eröffnen sollten. Das schrittweise Vorgehen hat den Weg zu einer größeren und vertieften Union eröffnet. Erst mit der Zeit zeigte sich, dass die Verträge von 1957 keinen Endpunkt, sondern einen Neuanfang bedeuteten: für Stabilität und Wohlstand, für die spätere EU, die in ihrer geographischen Ausdehnung und ihrer politischen Tiefe in Europa einmalig und für die Welt ein Vorbild ist.

          Dies ist es, was alle Europäer am 25. März feiern dürfen. Der "Geist von 1957" zeichnet sich durch das herausstechende Merkmal der Freiheit aus: Handels- und Bewegungsfreiheit, Freiheit statt Unterdrückung, Freiheit durch demokratische Rechtsordnung. Die jüngsten Erweiterungen haben bestätigt, dass Europa Diktaturen und undemokratischen Systemen keinen Platz bietet. Niemals zuvor haben so viele Staaten ohne jeden Zwang eine so starke Einheit gebildet.

          Anfangs gab es nicht nur Begeisterung für Europa. Dennoch wirkten die gewählten Ziele und Politikfelder sowie der Ausbau starker Institutionen als Elixier der Einigung. Welche Formen sie in den kommenden fünfzig Jahren noch annehmen kann, bleibt unvorhersehbar. Solange aber die Union dem "Geist von 1957" treu bleibt, gibt es keinen Grund, die Zukunft zu fürchten.

          Belgien stand mit den beiden anderen Beneluxpartnern an der Wiege der Integration. Wir Belgier wussten, warum. Unsere Landstriche dienten jahrhundertelang als Schlachtfelder Europas. In Kriegszeiten waren wir eingepfercht zwischen unseren größten Nachbarn. Darum konnten wir Ideen und Politiker beisteuern, die vor 50 Jahren Vorreiter für das Europa der Gegenwart waren. Der Verhandlungstisch stand damals im Brüsseler Schloss Val Duchesse - unweit der einstigen Schlachtfelder in Waterloo, auf der flämischen Yserebene oder in den Ardennen.

          Belgien und Brüssel waren seither die Bühne für die europäischen Einrichtungen. Für Belgien geht es um eine Erwiderung des besonderen Beitrags, den die Europäische Union für uns leistet. Was Belgien ihr zu verdanken hat, erfahren wir tagtäglich: wirtschaftlich, politisch, kulturell, beim Schutz von Mensch und Umwelt. Als zentral gelegenes Land sind wir auf das angrenzende "Ausland" angewiesen und verspüren seinen Einfluss.

          Gemeinsam können wir die globalen Probleme der Entwicklung, des Umweltschutzes oder den Kampf gegen grenzüberschreitenden Terror und Kriminalität besser anpacken. Für uns ist Europa eine Notwendigkeit, eine Selbstverständlichkeit. Es geht um eine supranationale Integration, die es uns gleichwohl ermöglicht, unsere kulturellen und regionalen Eigenheiten zu wahren und zu entwickeln. Zur "Einheit in Vielfalt" wollen wir als Gründungsmitglied und Gastland dauerhaft beitragen. Wir Belgier schätzen uns glücklich, dass wir seit 50 Jahren an diesem einmaligen Vorhaben mitwirken dürfen.

          Ministerpräsident des Königreichs Belgien

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